Kultur : Alles so schön rund hier

Shintaro Miyake erklärt den Wahnsinn Fußball

Daniel Völzke

Noch bevor die Weltmeisterschaft begonnen hat, mag so manchem der Fußball und die allgemeine Begeisterung bereits zum Halse raushängen. Wer dagegen vom medialen Dauerfeuer nicht genug bekommen kann, der freundet sich sicher mit Shintaro Miyakes Blick aufs Thema an. Die Installationen (2000–9500 Dollar), Zeichnungen (9500–12 000 Dollar) und Animationsfilme (3500 Dollar), die der japanische Künstler in der Galerie c/o Atle Gerhardsen zeigt, kommentieren den Fußballzirkus zwar nicht verkniffen spielverderberisch oder in elitärer Distanz und lassen ihn doch erschreckend irrsinnig aussehen.

Befremdlich wird es schon am Eingang: Hübsch aufgereiht stehen dort Fußballschuhe mit Stutzen und aufgemaltem Nike-Swoosh. Alles ist bereit. Doch spielen möchte man nicht in diesen klobigen Dingern: Es sind abgeschnittene Gummistiefel. Die Wesen, denen diese Schuhe sicher passen, verknäulen sich auf den Zeichnungen Miyakes. Mit diesen tentakelartigen Gliedmaßen kriegt man keine Blutgrätsche hin, mit diesem Ballonhäuptern keinen Kopfball.

Das Spielfeld lässt kaum Orientierung zu: hier eine Eckfahne, dort eine Bande. Selbst die grundsätzlichste Prämisse, dass der Ball rund ist, stimmt hier nicht mehr. Der Ball schwebt als unförmiger Klumpen neben dem Kopf eines totalitären Schiedsrichters. Kein Wunder, dass die Figuren verschreckt den Betrachter anblicken. Die Angst des Tormanns beim Elfmeter? Hier haben alle Angst, immer. Der 1970 geborene Miyake, der Art-Brut-Künstler wie Johann Hauser bewundert, zeichnet dieses heillose Durcheinander sich kreuzender Linien mit kräftigen Buntstiften auf Wasserfarbe. Dabei bedient er sich als Vertreter des japanischen New Pop bei vielen populären Phänomenen, vor allem interessiert ihn Anime und Manga. Der Einfluss dieser Cartoons ist stets in seinen von schlaksigen Männchen und süßen Mädchen bevölkerten Arbeiten sichtbar, auch wenn er eine eigene, originelle Bildsprache gefunden hat.

Hier in seiner zweiten deutschen – ausverkauften – Einzelausstellung fällt der Manga-Einschlag besonders in den zwei Animationsfilmen auf. Doch während die Helden des Zeichentricks heroische Kämpfe führen, flitzen Miyakes Figuren ohne Ziel über den Bildschirm. Sie sind genauso verloren wie die winzigen Plastikfußballer auf dem zu großen Spielfeld, das als Teppich auf dem Galerieboden liegt. Oder wie die Spieler der auf Video dokumentierten Performance. Sie müssen mit riesigen aufgesetzten Stoffköpfen kicken und schwanken deshalb wie betrunken über das Feld. Die Cartoonfiguren sind lebendig geworden, den Beweis zu erbringen: Fußball ist kein Spaß, sondern eine Zumutung.

c/o Atle Gerhardsen, Holzmarktstraße 15–18, S-Bahnbogen 46, bis 3. Juni, Dienstag bis Sonnabend 10–18 Uhr.

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