Kultur : Alles Tatami

Die Moderne sucht ihren Ursprung: Fotografien der japanischen Villa Katsura im Bauhaus-Archiv.

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Askese. Hauptraum der Villa Katsura. Manfred Speidel spricht über Katsura, Taut und Gropius im Bauhaus-Archiv: Mittwoch, 8.2., 19.30 Uhr (Eintritt frei). Foto: Ishimoto Yasuhiro
Askese. Hauptraum der Villa Katsura. Manfred Speidel spricht über Katsura, Taut und Gropius im Bauhaus-Archiv: Mittwoch, 8.2.,...

Mehr als ein halbes Jahrhundert ist es her, dass der mittlerweile 91-jährige amerikanische Fotograf japanischer Abstammung, Ihsimoto Yasuhiro, die kaiserliche „Villa“ Katsura am Rande Kyotos aufnahm. Seine streng komponierten Schwarz-Weiß-Fotografien sind seither mit ihrem Gegenstand selbst verschmolzen, des zwischen 1620 und 1658 errichteten Gartenpalasts zweier prinzlicher Bauherren auf einem knapp sieben Hektar großen Grundstück mit Seen und Hügeln in einer Gegend, die für die Betrachtung des Mondes berühmt war. Ein temporärer Aufenthaltsort, kein Wohnsitz.

Seit 1881 unter der Verwaltung des kaiserlichen Hofes, war die Anlage in Japan selbst wenig bekannt, bis sie der vor den Nazis emigrierte Bruno Taut 1936 in zwei im Lande erschienenen Publikationen feierte. Mit einem Mal erkannte auch die japanische Fachwelt in der Architektur des 17. Jahrhunderts ein Vorbild anstelle der westlichen Einflüsse, die Japan anfangs des 20. Jahrhunderts bewegten.

Jetzt sind die Fotografien, die Ishimoto 1954 aufnahm, in einer Wanderausstellung der Japan Foundation im Bauhaus-Archiv zu sehen – dem angemessenen Ort für diese Bilder, die die japanische Bautradition in einer ihrer vornehmsten Hervorbringungen zeigen, allerdings mit einem durchs Bauhaus geprägten Blick. Ishimoto selbst, zweifacher Träger des vom „Institute of Design“, des Bauhaus-Nachfolgers in Chicago verliehenen Moholy-Nagy-Preises, war erstmals nach Japan gekommen und entdeckte das Land seiner Vorfahren mit westlichem Blick. Dem folgte der berühmte Architekt Kenzo Tange, als er 1960 ein Buch über die Villa Katsura veröffentlichte, zu dem Bauhaus-Gründer Walter Gropius einen Text beisteuerte. Fortan sah man die japanische Tradition als Vorläufer vor allem des seinerzeit hymnisch gefeierten Mies van der Rohe.

Nur: Ganz so, wie diese Historie es glauben macht, verhielt es sich nicht. Die Schwarz-Weiß-Fotos Ishimotos blenden die reiche Farbigkeit der Gartenanlage aus. Die Bauten selbst, vor allem das auf Stützen stehende Haupthaus, sind jedoch auf die Ansichten gerichtet, die dieser Garten, den die Natur bieten.

Kenzo Tange verwies allerdings auf den Zusammenhang der Architektur mit der Kultur des Zen, die im 17. Jahrhundert das asketische Stilempfinden der Oberschicht bestimmte. Dazu zählt die Teezeremonie, die in Katsura in verschiedenen Teehäusern praktiziert wurde. Die Villa ist geistige Durchdringung des Bauens: maßvoll, konzentriert, alles Überflüssige weglassend. Die Tatamimatten bestimmen, wie in Japan seit alters her üblich, die Abmessungen der Räume, die – und das hat die westliche Moderne so beeindruckt – keinem festen Zweck dienen, sondern durch papierbespannte Schiebetüren nach Bedarf voneinander getrennt werden und einen fließenden Raum durchs Haus hindurch ermöglichen.

Ishimotos Fotografien steigern diesen Eindruck. Sie legen einen quasiabstrakten Gesamteindruck fest, den das Gebäudeensemble tatsächlich jedoch nicht besitzt. Umso verdienstvoller ist die Publikation des Buches „Katsura Imperial Villa“ bei Phaidon, dessen Farbfotografien – hier von Yoskiharu Matsumura – ein wirklichkeitsgetreueres Bild der Anlage vermitteln. Deren Charakter als „völlig allein stehendes architektonisches Weltwunder“ – wie Bruno Taut, der Architekt Berliner Sozialsiedlungen, jubelte – wird dadurch mitnichten geschmälert.

Der Besuch von Katsura ist heutzutage möglich, wenn auch mit mancherlei bürokratischen Hürden. Wer einmal die Bauten und den Park der Villa besichtigen durfte, wird das Erlebnis dieses baukünstlerischen Höhepunktes nicht vergessen.

Ishimoto übrigens, angetan vom Interesse des Bauhaus-Archivs an seiner 50 Jahre zurückliegenden Arbeit, hat dem Berliner Haus 55 Abzüge geschenkt. Sie sind jetzt als Teil der Ausstellung zu sehen und – zu Recht! – zu bewundern.

Bauhaus-Archiv, Klingelhöferstraße 14, bis 12. März, Mi-Mo 10-17 Uhr. Broschüre der Fotografien 2 €. - Buch „ Katsura Imperial Villa“, Phaidon Verlag, London 2011 (in Englisch), 398 S., 530 Abb., kart. 49,95 €.

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