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Weltreligion Kapitalismus: „The Corporation“ untersucht das Innenleben amerikanischer Firmen

Silvia Hallensleben

Der ökonomische Weltgeist geht manchmal krumme Wege. Kurz nach dem Civil War wurde die US-Verfassung um einen Zusatz erweitert, der den einstigen Sklaven das Recht auf Leben, Freiheit und Eigentum garantieren sollte. Doch nur 19 Afroamerikaner klagten von 1890 bis 1910 beim Supreme Court ihre Rechte ein. Stattdessen bestürmten die Anwälte der Kapitalgesellschaften die Gerichte, um ihre durch legale Einschränkungen behinderten Unternehmen mit den neuen Rechten auszustatten. Es entstanden juristische Konstruktionen mit den Rechten einer natürlichen Person, doch stark beschränkter Haftung: die Geburtsstunde der „Corporation“, wie wir sie bis heute im Herzen kapitalistischer Gesellschaften kennen – und oft auch fürchten. Denn während die Firmen längst in unseren Alltag hineinregieren, haben wir bei ihnen wenig mitzureden. Zusätzlich ungemütlich wird die Sache dadurch, dass die Gesellschaften konstitutionell die Vermehrung des Eigentums über jedes andere Interesse stellen.

Ein Film über Kapitalgesellschaften? Geht so was? Neuerdings benötigt doch sogar der Dokumentarfilm mindestens ein Menschenschicksal, um das träge Publikum anzurühren. Auch die kanadischen Filmemacher Mark Achbar („Manufacturing Consent“) und Jennifer Abbott („A Cow at my Table“) legen ihre künstliche Person erst mal auf die Couch und diagnostizieren eine Liste schwerer Persönlichkeitsstörungen. Richtig Rührung will trotzdem nicht aufkommen, dazu funktioniert die „Externalisierungsmaschine“ zu perfekt.

Immerhin: Der ökologisch erleuchtete Teppichfabrikant Ray Anderson vergleicht unser Wirtschaftssystem mit einem Flugzeug, das von so hoch oben abstürzt, dass wir erst langsam beginnen, den Boden sehen. Jetzt macht er nachhaltige Teppiche. Gibt es also gute und schlechte Unternehmen? Der mit zweieinhalb nicht untertitelten Stunden (demnächst kommt eine untertitelte DVD auf den Markt) viel Konzentration fordernde Film führt Abgründe wie bunte Effekte der professionellen Gewinnmaximierung vor: von der Dampfmaschine bis zum wissenschaftlichen Einsatz von Kinderquengeln zur Verkaufsförderung, von der Einfriedung der ersten Gemeindewiesen bis zu den aktuellen Versuchen, das menschliche Leben der Warenform zu unterwerfen. In Bolivien hatte der mit der privatisierten Wasserwirtschaft betraute Bechtel-Konzern die Gratis-Benutzung von Regenwasser verboten. Auch wenn sich das kaum kontrollieren lässt: Nichts scheint mehr unmöglich.

„The Corporation“ lässt Verfechter wie Kritiker dieser Entwicklung zu Wort kommen, stellt sich aber selbst deutlich gegen die Verabsolutierung des Kapitalismus als neue Weltreligion. Dabei verbindet der bewegt geschnittene Film Interviewstücke mit reichhaltigem Archivmaterial, eigenen Animationen und einer Stimme, die in samtweichem Ton knallharte Analysen vorträgt. Angelpunkt ist immer die Frage nach der Verantwortung für den sozialen und ökologischen Weltzustand. So werden wir auf unsere eigene Rolle als politische Menschen und Konsumenten verwiesen, um in Sachen Zukunft des Planeten mitzureden: Wenn das kein anrührendes Schicksal ist!

fsk am Oranienplatz, Acud

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