Kultur : Alles umsonst

Wie weit kommt man ohne Geld? Ein Überlebenstraining mit dem Gratis-Künstler Peter Kees

Bodo Mrozek

Geld ist etwas Schönes, wenn man es hat. Was aber, wenn man darauf verzichten würde? Wenn man seine Kreditkarte einfach wegwirft und das Sparkonto auflöst? Könnte man dann unbeschwert von dicken Münzgeldpolstern als freier Mensch unter der Sonne wandeln wie in sehr alter Zeit? Und wenn nicht: Wie weit würde man damit kommen?

Peter Kees sieht nicht aus, wie man sich einen radikalen Antikapitalisten gemeinhin vorstellt: schwarzer Anzug mit halbseidenem Hemd, aus der Brusttasche ragt dezent die Handyantenne. Kees sieht mehr aus, als könnte er Gebrauchtwagen oder Telekom-3-Aktien gewinnbringend unters Volk bringen. Nur dass auf seiner Visitenkarte, die er eilfertig aus der Westentasche zieht, nicht „Key Account Manager“ oder „Executive Consultant“ steht. Auf seiner Karte steht „Unternehmen Zukunft. Leben ohne Geld“.

Peter Kees ist Künstler. Mit seinen Aktionen gelang es dem 39-Jährigen schon öfter, Aufsehen zu erregen. Als etwa das Schlagwort der „Ich-AG“ geboren wurde, nahm Kees dies wörtlich. Er begriff sich selbst als Unternehmen und stellte dem Bundeskanzler eine Rechnung „für meine Anwesenheit in ihrem Staat“. Der Post berechnete er die Zeit, die er in der Warteschlange verbringen musste. Das Geld traf zwar nicht ein, aber Kees dokumentierte den erstaunlichen Schriftverkehr mit Behörden und Unternehmen. Auch sonst greift seine Aktionskunst stets Aktuelles auf. In der Bar „DNA“ in Mitte betreibt Kees wöchentlich eine Live-Fernsehsendung: mit Studiogästen, aber ohne Kabel und Antenne. Den Dilettantismus seiner unvorbereiteten Studiogespräche versteht er als Gegenentwurf zur auf Perfektion ausgerichteten, inszenierten Spontaneität des „echten“ Fernsehens.

In seinem aktuellen Projekt ist Kees Berater. Allerdings berät er nicht – wie üblich – Menschen, die ihr Geld vermehren möchten. Er berät Leute, die ohne Geld auskommen wollen. Dafür hat Kees im Pavillon an der Volksbühne ein graues Schalterhäuschen mit Schiebefenster installiert. Hier wartet der Profi-Schnorrer auf Kundschaft. Damit alles seine Ordnung hat, müssen Kunden erstmal ein Formular ausfüllen. Hinterher werden die Papiere gestempelt und im Häuschen ausgestellt.

Seine erste Kundin wollte ins Theater, hatte aber kein Geld. Kees begleitete sie zur Kasse und bat um Gratis-Tickets. Die Kassiererin verwies auf ihren Chef, doch Kees ließ sich nicht abwimmeln. Er ging bis zum Direktor, der schließlich die Karte im Werte von zehn Euro spendierte. Soviel kostet auch die Bearbeitungsgebühr, die Kees bei Erfolg kassiert. Ein schlechtes Geschäft? „Ich vermittle keine Schnäppchen, sondern die Technik, wie man etwas umsonst bekommt“, erklärt Kees. Und die könne der Kunde später weiter anwenden. Für Kees ist dies eine Frage des Auftretens, gerade in einer Stadt, die ihre Bewohner täglich mit bitterer Armut konfrontiert. Lügen sind dabei erlaubt, etwa die alte Geschichte der Schulfreunde, die sich ein halbes Leben lang nicht gesehen haben, und nun einen Kaffee trinken möchten.

Ein Mann will umsonst Dampfer fahren. „Wir leben ohne Geld“, behauptet Kees. Die Frau an der Kasse betrachtet seine polierten Schuhe, und lässt ihn an Bord. Ein anderer Kunde will einen neuen Anzug. Kees geht zu einem teuren Herrenausstatter auf der Neuen Schönhauser Allee. Sein Mandant, so behauptet er, sei arbeitslos. Morgen habe er ein Bewerbungsgespräch. Seine Zukunft hinge davon ab, darum brauche er sofort einen Anzug. Der Verkäufer verrät bereitwillig, in welchen Geschäften man auch getragene Anzüge zurückgeben kann.

Mit derartigen Aktionen steht Kees unter Zynismusverdacht. Darf man teure Dinge schnorren, wo sich andere noch nicht einmal das Nötigste leisten können? Nach Kees’ Theorie betrifft soziale Ungleichheit so ziemlich jeden. Im Vergleich zu anderen, die noch mehr haben, ist man immer arm. Und wenn Betteln nur eine Frage der Beharrlichkeit und der Technik ist, dann kann man quasi alles umsonst haben.

Was zu beweisen wäre. Einen Kaffee schnorren kann jeder. Wir wollen Luxus, etwas Teures, das man nicht mal eben so bekommt. Und weil es Sommer wird, und die Zeitung auf dem Tisch ein neues Automodell ohne Dach bewirbt, entscheiden wir uns für das Cabrio. Kees zögert. Dann erhöht er seine Bearbeitungsgebühr: Plötzlich will der Umsonst-Künstler 2000 Euro haben, im Erfolgsfall. Wir willigen widerstrebend ein.

Kees stempelt ein Formular. Wenig später stehen wir in einem „Showroom“ an der Friedrichstraße. Der polierte Granitboden spiegelt chromglänzende Rundungen, man bemüht sich freundlich um die vermeintlich kaufwilligen Kunden. Leider ist das gewünschte Modell nicht vorrätig. Macht nichts, sagen wir, wir nehmen ein anderes. Und weil wir nicht unbescheiden sein wollen, tut es auch das kleinste. An der Wand steht „Money can’t buy it“. Das ist unser Stichwort. „Wir haben kein Geld“, erklären wir forsch. Der Verkäufer schlägt eine Finanzierung vor. Wir lehnen ab. Wir wollen den Wagen umsonst und zwar sofort. Ob denn da gar nichts zu machen sei? Schließlich sind wir von der Aktion „Leben ohne Geld“. Der Mann überlegt. Dann steht er auf und zieht sich zurück. „Bitte“, sagt er wenig später lächelnd. „Hier ist ihr Auto.“ Der Wagen ist nagelneu und funkelt sonnengelb. Er ist fünf Zentimeter lang.

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