Kultur : Alles verloren

39 000 Farbdias zeigen, was der Krieg zerstört hat

Bernhard Schulz

Eine Sensation war im Herbst 2005 die Internetpublikation des „Farbdiaarchivs zur Wand- und Deckenmalerei“ aus den letzten Jahren des NS-Regimes. 39 000 Farbaufnahmen hatten Kunsthistoriker im Auftrag des Propagandaministeriums angefertigt, als alles in Trümmer fiel. Seit der Ausrufung des „Totalen Krieges“ im Februar 1943 rollte Luftangriff auf Luftangriff, und es war erkennbar, dass von den Baukunstwerken Deutschlands nur mehr Trümmer übrig bleiben würden. So kam es zu der – auch finanziell – aufwendigen Aktion, die noch vorhandenen Schlösser und Kirchen auf dem damals neuen Farbfilmmaterial abzulichten, sorgfältig scharf gestellt und ausgeleuchtet. Die Vorsorge war nur allzu berechtigt: Kostbarkeiten wie Albrecht Dürers Fresken im Nürnberger Rathaus gingen noch 1945 durch Zerstörung verloren.

Die vollständige Geschichte dieser ungewöhnlichen Verlustdokumentation berichtet nun das Buch „Führerauftrag Monumentalmalerei“. Wie im „Dritten Reich“ üblich, ging alles auf einen „Führerauftrag“ zurück; und, wie ebenfalls üblich, haperte es mit dessen Umsetzung. Umso erstaunlicher, was an Dokumenten erhalten blieb. Seit 1965 wird das Bildarchiv vom Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte gehütet, einsehbar für jeden Fachinteressierten. Doch erst die im Jahr 2000 eingeleitete Digitalisierung dieses so ungeheuer wertvollen Bestandes hat die öffentliche Aufmerksamkeit geweckt. Denn was jetzt im Internet einsehbar ist, kann mindestens theoretisch, vielfach auch praktisch wiederhergestellt werden. Die Proportionen stimmen ohnehin, die „schiefen“ Farben der damals noch im Experimentierstadium befindlichen Agfa-Farbfotografie lassen sich mittlerweile zuverlässig korrigieren. Nie können die Verluste ausgeglichen werden – vielleicht aber von Fall zu Fall zu mindern sein.

Christian Fuhrmeister / Stephan Klingen / Iris Lauterbach / Ralf Peters (Hrsg.): „Führerauftrag Monumentalmalerei“. Eine Fotokampagne 1943–1945. Köln, Böhlau Verlag 2006, 285 S., br. 24,90 €. – Im Internet: www.zi.fotothek.org

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