Kultur : Alles Wahrheit, alles Lüge

Jan Schulz-Ojala

Warum lieben wir das Kino? Weil es unter den unterhaltenden, erbauenden und belehrenden Künsten die perfekteste Lügnerin ist. Kino, wenn es denn gut gemacht ist, glauben wir alles - anders als den Dichtern, die uns mit ihrem Wörterzauber bestenfalls auf unsere eigene Phantasie zurückwerfen, anders auch als dem Theater, das seine Maschinerie nicht verbirgt und seine Darsteller Abend für Abend vor unseren Augen verbraucht. Das Kino dagegen spricht die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit, nicht wahr? Schließlich sind wir ja selber - zoom! - immer mitten im Bilde.

Mechanisch bis in den Traum

Das Kino der Catherine Breillat ("Romance", "A ma soeur") ist auf ganz andere, man möchte sagen: naturwissenschaftliche Weise wahrheitsversessen, und deshalb können es viele nicht leiden. Es bleibt kalt selbst in der Inszenierung von Hitze, es besteht auf dem Wissen um Öffentlichkeit gerade in den intimsten Bildern, es verletzt unsere Komplizenschaft mit der Illusionsmaschinerie, es ist mechanistisch bis in den Traum. In ihrem neuen Film "Sex is Comedy" geht Breillat noch einen Schritt weiter: Sie lässt nicht nur fühlen, dass alles gemacht ist im Kino, sondern zeigt, wie es gemacht ist , als in jeder Sekunde gebautes Bild für unsere Augen.

Wir sehen ein Drehteam bei der Arbeit an zwei Sexszenen: erst Kuss am Strand, dann schmerzhafte Entjungferung im Bett. Wir sehen: Vorbereitungen, Proben, Vollzug. Wir sehen: eine Regisseurin namens Jeanne (Anne Parillaud), die ihre jungen Darsteller (Roxane Mesquida und Grégoire Colin) dazu antreibt, Liebe zu spielen - macht nichts, dass an diesem Set keiner keinen leiden kann. Ein Film im Film als Tour de force, manchmal komisch, überwiegend anstrengend, zeitweilig ermüdend und am Ende unvermutet gewaltig. Denn irgendwann mündet der Psycho- und Physioterror um die Choreografie der Glieder doch in etwas wie die Wahrheit des Kinos. Das Mädchen weint vor der Kamera, und hinter der Kamera zittert, liebt, leidet, weint auch Jeanne. Und, siehe da, zum Happy End dieses Lehrfilms über die professionelle Gefühllosigkeit fangen wir an, uns in diese Jeanne einzufühlen. Welche Qual, in kreatives Glück verwandelt, mag in dieser kühlen, einsamen Frau aufscheinen, die da auf einmal mitgerissen ist von ihrer eigenen Konstruktion? Doch Vorsicht: gut gespielt nur auch das - und die Illusion, unsere, endlich im Kasten.

"Wörter sind Lügen, die Körper sind Wahrheit", sagt Jeanne einmal - und spricht damit nicht nur ein eigenes Credo aus. Das einst so wortgewaltige französische Kino hat sich ausgeredet, nun erforscht es mit ähnlicher Besessenheit die Grammatik der Körper. In Robert Guédiguians "Marie-Jo et ses deux amours" gehen die Protagonisten immer wieder in der schönsten Natürlichkeit nackt herum - als seien wir Menschen nur große, kluge Säugetiere, die von Kopf bis Fuß zueinander sprechen, von Einsamkeit, Hunger, Trauer, Ruhe und, gewiss doch, von Lust. Marie-Jo (Ariane Ascaride) liebt zwei Männer: ihren Ehemann Daniel (Jean-Pierre Darroussin) und Marco (Gérard Meylan). Eine Dutzendgeschichte, aber mit Lügen und Heimlichkeiten hält sich der Film nicht lange auf. Erst entdeckt Daniel diese andere Liebe - und schweigt. Weil Wörter nur Lügen wären? Dann eröffnet Marie-Jo ihm diese andere Liebe - und er schweigt. Bleibt einfach, vertreibt sie nicht, wartet. Und es ist dieses Schweigen, das den Film irgendwann gegen Marie-Jos wachsende Aufgelöstheit auflöst, in einem Zufall, einem Unfall; ein Schweigen, das Daniel und Marie-Jo, zwei Körper, in ihre Tiefe zieht.

Sie mögen solche postmodernen Stumm-Filme nicht? Dann gehen Sie in Cannes, diesem Megastore der Illusionen, doch einfach nach nebenan zu den unverdrossenen Silbenschmieden, zum Beispiel zu Mike Leigh. Manche Helden von "All or Nothing" haben ihre Körper in einen Panzer aus Fett gesteckt, und tief drinnen erstickt so etwas wie Seele. Wer sich dagegen mit Diät-Cola fit hält und Fahrrad fährt, hat noch ordentlich verbale Angriffslust. In Leighs trostloser Welt aus Vorstadthochhäusern scheinen auch die Flüche, mit denen sich die Leute traktieren, durch die Abflussrohre auf den Laubengängen zu rauschen, einer gigantischen Wörterkanalisation entgegen - Wahrheitsabfall, den die Not jeden Tag von neuem produziert. Da sind die Supermarktkassiererin Penny (Lesley Manville) und ihr dickes Wrack von Taxifahrer-Ehemann namens Phil (Timothy Spall): peinsam die Schimpfkanonaden, mit denen sie ihn auf Trab bringen will, von den massigen, halbwüchsigen Kindern Rachel und Rory (Alison Garland, James Corden) ganz zu schweigen. Und doch - muss nicht wenigstens einer in dieser stuffen Familie auf der Wahrheit zumindest der Wörter bestehen?

"All or Nothing" führt in jenen sozial randständigen Mikrokosmos von Verlierern, den Mike Leigh in "Naked" (1993) am imponierendsten aufriss und nie richtig verlassen hat. Seine Helden, so ruppig sie sich auch gebärden mögen, sind allesamt Opfer der Verhältnisse - also ist auch Leigh gut zu ihnen, neuerdings ein bisschen zu gut. In "All or Nothing" braucht es nur Rorys Herzattacke, um die ganze Familie wieder zusammenzubringen. Und das, obwohl Phil, der seinerseits plötzlich zur Wahrheit der Wörter findet, auf die rührend herausgeschluchzte Liebeserklärung an Penny und die existenzielle Frage, ob denn sie ihn überhaupt noch liebe, keine Antwort bekommt. Die Dauerrednerin Penny verstummt, und der Film macht einfach weiter - und denunziert damit Phil auf ewig als den passiven Dummkopf, der er bis zur großen Aussprache war. Katharsis ohne Katharsis: Im Leben ist das schon schwer genug, im Kino allerdings gar nicht auszuhalten.

Märchen höfischer Moderne

Catherine Breillat oder auch Mike Leigh mögen zeitgenössische oder ein bisschen altmodische Wahrheitssucher sein - der mit 93 Jahren uralte und zugleich alterslose Manoel de Oliveira hat seine Wahrheiten längst gefunden. Das Leben sei ein "immenses Märchen", lässt der portugiesische Regisseur die junge Heldin Camila in seinem neuen Film sagen: "O princípio da incerteza" (Das Prinzip der Ungewissheit). In Bildern von seltsam höfisch anmutender Moderne und einer Geschichte um arrangierte Ehe und scheiternde Leidenschaften erzählt er, wie Verlierer(innen) zu Siegern werden und umgekehrt, wie lebenslange Intrigen scheitern und Güte plötzlich die Oberhand gewinnt. Nur: Ist Güte nicht die noch viel tiefere Durchtriebenheit? Gewiss ist nichts, nur das Ungewisse. Oliveiras Filme machen Ernst mit dem Spiel und umgekehrt - körperlos, schwerelos, weise.

Und dann steht man, den Kopf voller Bilder, spätabends plötzlich draußen zwischen den Tausenden von Leuten auf der Croisette. Gewaltig strahlen die Riesenscheinwerfer über der Küstenlinie ins Schwarze und suchen den Himmel ab nach neuen Schnuppen und Stars. Und, Schwenk erd- und wasserwärts, vor einem sitzen die Menschen im Sand, in der ebenfalls neuen "Salle des Sables", und gucken vor einer ins Meer gebauten Riesenleinwand Filme von Tati. Könnte eher eine Einstellung von Fellini sein, extra für Cannes: E la nave va. E il cinema va, Lüge und Wahrheit und Märchen, alles eins.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben