Kultur : Alles war aufgeschrieben im Buch des Lebens

ANTJE VOLLMER

In der Debatte um das Holocaust-Denkmal in Berlin können sich immer mehr diejenigen bestätigt sehen, die sagen: Das eigentliche Mahnmal ist die jahrelange Debatte selbst.Das allein ist schon eine soziale Skulptur eigener Art.Zusammen mit dem endgültig festgelegten Ort und der Zusage, daß der Souverän selbst darüber entscheiden wird, hat das eine eigene Qualität.Der Holocaust gehört zu den Gründungsdaten der Bundesrepublik.Das ist ein schwieriger Satz.Und in seiner Mißverständlichkeit liegt auch der Grund dafür, warum so viele sich vor einem Mahnmal scheuen.Für ein solches Gründungsmoment nicht die bleibende Form zu finden - das wäre nur versteinerte Verdrängung -, aber doch den zentralen Ort und die Institution, die es beherbergen, ohne gleichzeitig damit fertig zu werden: das beweist ein Nicht-Gelingen, das in der Sache selbst begründet ist.Trotzdem muß und wird eine Entscheidung fallen.

Der neue Vorschlag von Michael Naumann in Zusammenarbeit mit Peter Eisenman ist von manchen in dieser Situation als Kompromiß auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner mißverstanden worden, mit leicht pädagogisch-musealem Unterton.Das ist er nicht.Er ist etwas Neues, er erweitert die Grundidee des ersten Mahnmal-Entwurfs.Und er hat erstaunlich viel mit der Urgeschichte und den religiösen Bildern des alten Israel zu tun.

Israel war ein Nomadenvolk.In der Sprache der Thora: Es war ein wanderndes Gottesvolk, immer gefährdet, durch Erwählung, nicht durch Verdienst geschützt.Die Urangst der Nomaden ist, daß ihre Spuren, biographisch wie geschichtlich, für immer verschwinden.Der Wind geht darüber hin, und sie sind nicht mehr da.Vernichtungsangst heißt: ausgelöscht werden.

Nomadenvölker haben keine festen Tempel, Burgen, Städte und Denkmäler, die von ihnen zeugen.Die alten Stämme Israels hatten eine tragbare Bundeslade mit allen Insignien.Und sie hatten die Thora, das Buch der Bücher, aufrollbar und jederzeit mitzunehmen.Da war alles aufgeschrieben, seit den Zeiten der Väter, aufgeschrieben im Buch des Lebens.Die Genealogien, die bis zu den ersten Menschen zurückgehen, schützen vor dem Versinken im Nichts und im Namenlosen.

Nomaden haben als einzigen festen Landbesitz ihre Grabstätten, wo sie "versammelt werden" bei den Vätern.Deswegen sind alle Grabstätten so genau vermerkt in den heiligen Schriften.Sie müssen wiedergefunden werden.Dorthin kehrt man immer wieder zurück und findet die Geschichte des eigenen Volkes.Auch hier gilt die Angst vor dem Vergehen und Vergessenwerden.Wer die Stätte der Toten besucht, legt einen Stein auf die Grabsteine.So türmen sich Stein auf Stein auf dem jüdischen Friedhof in Prag.So wächst der Grabhügel, hält Sand und Stürmen stand und wird so für Kinder und Kindeskinder zu finden sein.

Die Vernichtungs-Obsession der Nationalsozialisten hatte genau auf diese Urängste gezielt, die im Judentum, in seiner Geschichte und Religion, so verdichtet präsent sind.Jede Erinnerung an dieses wandernde Gottesvolk sollte ausgelöscht werden: Keine Synagogen mehr, in denen die Thora aufbewahrt wird; keine Namen mehr, die aufgeschrieben sind im Buch der Väter; keine Gräber mehr für die Millionen der Ermordeten; und keine Erinnerung an die Stätten ihrer Qual.Nur Asche an den Rändern Europas.

Indem der neue Entwurf aber beides aufnimmt: die Bücherwand, in der alles aufgeschrieben und aufbewahrt ist, und das Stelenfeld, an dem wir alle im Zentrum der Metropole der Toten gedenken werden, hat er ein überzeugendes Bild dafür gefunden, was in der jüdischen Tradition Erinnern heißt.So steht er dem Kern des Vernichtungswillens der nationalsozialistischen Ideologie entgegen.Die Juden werden nicht ausgelöscht sein aus der Geschichte und der Erinnerung Europas.

Die Autorin ist Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags und sitzt für Bündnis 90/Die Grünen im Kulturausschuß des Bundestages.

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