Kultur : Alles, was echt ist

LITERATUR

Hermann Wallmann

Zehn Texte „aus dem Arsenal des Essayisten“: Als solcher versteht sich Stephan Wackwitz – in ausdrücklicher Abgrenzung vom Feuilletonisten. Seine „Selbsterniedrigung durch Spazierengehen “ (S. Fischer, Frankfurt a. M. 2002. 160 S.,18 €) ist eine Anthologie, deren Facettenreichtum sich in jedem einzelnen Text wiederholt. Die Aufsätze des 50-Jährigen bewegen sich zwischen den Polen von Theorie und Praxis einer „kleinen“ Literatur (und Philosophie) sowie den autobiografischen Momenten von Verlorenheit und Verzückung. Sie sind Bewusstseinsgeschichte, Porträt einer Generation und Selbstporträt. Im Titelessay stellt Wackwitz fest, dass sein exzessives Spazierengehen wahrscheinlich nicht nur eine „individuelle Macke“ sei, sondern vielleicht „vielmehr eine spirituell hoch kodierte Kulturtechnik darstellt, ein verzwickt-abgründiges Selbsterlösungsprogramm“. Zugleich weist er den Habitus der „Flaneurs“-Zunft zurück, wie sie heute in Berlin-Mitte herumstreunt: „Mochten sich andere, mehr oder weniger überzeugend, auf den Straßen der Hauptstadt als Wiedergänger Franz Hessels, Ernst Blochs und Walter Benjamins inszenieren. Ich orientierte meine Pilgerschaften stattdessen nach wie vor (Chatwin- oder gar Reinhold-Messner-haft) am role model des verstoßen umherrirrenden Ahasverus. Das Leitbild meines Spazierengehens, ich blieb dabei, hieß nicht Siegfried, sondern Jon Krakauer.“ Daneben gibt es eine Verbeugung vor Erich Kästner und eine Eloge auf Stephen King. Und in „Die Sorgen des Hausvaters II“ ist sich Wackwitz nicht zu schade, hinter der Pokémon-Besessenheit seines Sohnes die „gentechnologisch-animistisch-shintoitischplatonische Grundidee“ aufzuspüren und mit Hinweisen auf Borges, Plotin und Kafka zu bekräftigen.

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