Kultur : Alles, was echt ist

Fakten, Fakten, Fiktionen: Das Münchner Filmfest zeigt Neuigkeiten aus dem amerikanischen Independentkino

Julian Hanich

Vor langer, langer Zeit gab es einmal den großen Kontinent der „Fakten“ und den etwas kleineren Kontinent der „Fiktionen“. Doch ähnlich wie in der geologischen Entwicklung der Erde haben sich diese tektonischen Kontinentalplatten irgendwann aufeinander zu bewegt, verkeilt, ineinander geschoben. Plötzlich galt die Geschichtsschreibung nur noch als Spielart der Literatur. Journalisten begannen, auf dem schmalen Grat zwischen Erlebtem und Erdachten zu tänzeln. Im Fernsehen imitierten Menschen das wahre Leben, angeleitet durch das Drehbuch eines Großen Bruders. Und Künstler stülpten ihren Werken das Outfit der Dokumentation über oder montierten ihre Figuren in historische Tableaus. Heraus kamen: Faction, Borderline-Journalismus, Reality-TV oder Dokudrama. Im Kino hat diese Friktion von Fakt und Fiktion Filme wie „Forrest Gump“, „The Blair Witch Project“ und „Adaptation“ hervorgebracht.

Wen es in diesen Tagen auf dem Münchner Filmfest in die fulminante Reihe zum amerikanischen Independentkino zieht, der wird sich die Augen reiben: Was ist hier eigentlich Fiktion? Und was ist Dokumentation? Ein Film wie „American Splendor“ versteht es auf unendlich komische Weise, beides ineinander fließen zu lassen. Im Mittelpunkt steht der (echte!) Comicautor Harvey Pekar, der in seinen „American Splendor“-Heften das eigene verkorkste Leben verwurstet. Der Film von Shari Springer Berman und Robert Pulcini, die beide als Dokumentarfilmer begonnen haben, stellt den Alltag und damit auch die Comics von Mr. Pekar nach: graue, grantige Tage aus dem Leben eines Taugenichts. Dabei wird Harvey Pekar gespielt von Paul Giamatti und Harvey Pekar. Wobei nie ganz klar ist, ob Pekar, wenn er Pekar spielt, der echte Pekar ist oder nur die Pekar-Figur. Alles klar? In einer Szene geht das soweit, dass Pekar, die Filmfigur, neben Pekar, der Realfigur, steht. In einer anderen Szene wohnt Pekar einer Theaterinszenierung seines eigenen Lebens bei. Der Film als Babuschka-Puppe: in der Geschichte steckt eine Geschichte steckt eine Geschichte. „Das gewöhnliche Leben ist ein ziemlich komplexes Zeug“, sagt Pekar einmal. Was soll man dann erst über diesen Film sagen? Dass die beiden Regisseure dafür beim Sundance-Festival den Jury-Preis gewonnen haben, ist aber ein Fakt. Höchstwahrscheinlich.

Auf andere Art, aber beinahe ähnlich effektvoll, verwischt Ben Coccio in seinem packenden Film „Zero Day“ die Grenzen zwischen „echt“ und „nachgestellt“. Mit digitaler Handkamera lässt er zwei Gymnasiasten eine Art filmisches Tagebuch aufzeichnen, das den Countdown abzählt bis zum Tag, an dem die beiden ein Massaker in ihrer High School anrichten werden. Das Film-Diarium reicht vom Zahnarztbesuch und Teenagerflirt bis zu Schießübungen und Waffenbasteleien. Die Begründung für seine Form liefert der Film selbst: Die beiden Jugendlichen wollen mit ihren Videokameras die monatelangen Tatvorbereitungen für die Nachwelt dokumentieren. Nach Michael Moores „Bowling for Columbine“ und Gus van Sants „Elephant“ ist „Zero Day“ bereits der dritte Film, der sich mit dem Massaker an der Columbine High School auseinandersetzt. Ben Coccios Film sucht die Ursachen der Tat dabei im Teenagerhass. Doch woher dieser Hass kommt, weiß auch Coccio nicht.

„Raising Victor Vargas“ begibt sich ebenfalls auf die Spuren des amerikanischen Teenagers. Und wie die beiden Antihelden von „Zero Day“ tragen auch die Protagonisten von Peter Solletts hinreißendem Liebesfilm die Vornamen ihrer Laiendarsteller. Die Schauspieler kommen darüber hinaus aus der Nachbarschaft, in der auch der Film spielt. Und ihre Dialoge sind improvisierter Straßenslang. „Alles steht in Beziehung zu dem, was die Schauspieler tatsächlich sind oder irgendwann waren“, sagt der Regisseur. Der Spielfilm saugt die Realität mit vollen Zügen in sich auf und gewinnt dabei beinahe anthropologische Aufnahmen des Lebens in der New Yorker Lower East Side.

Von all diesen Filmen wagt sich Jonas Akerlunds „Spun“ am wenigsten weit an die Nahtstelle zwischen Spiel- und Dokumentarfilm heran. Der Film ist eine ziemlich komische, ziemlich verspielte und ziemlich sinnfreie Männerfantasie über Drogen, Waffen und geile Frauen (Brittany Murphy und Mena Suvari). Von Zeitraffereinstellungen über verwinkelte Kamerapositionen und krasse Detailaufnahmen bis hin zu Comic-Elementen versucht der Film den totalen Trip. Seine Gleichung lautet: „Lola rennt“ plus „Requiem for a Dream“ plus „Snatch“ minus jeglicher Inhalt ist gleich „Spun“. Doch letztlich macht sich auch Akerlund seinen Spaß mit dem Spiel um Fakt und Fiktion. An den Anfang seines Films stellt er die Worte: „Based on the truth...“ – nur um gleich hinterher zu schieben: „...and lies“.

Wer weiß, vielleicht wurde das diesjährige Festivalmotto „Träume mit offenen Augen“ gerade mit Blick auf diese vier Filme gewählt. Wer träumt, während er die Augen offen hat, befindet sich immer in zwei Welten gleichzeitig. Schwer zu sagen, was da wahr ist und was Fiktion.

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