Kultur : Alles, was ein Fell hat

Die Hamburger Band Kante warnt mit ihrem neuen Album: „Die Tiere sind unruhig“

Daniel Völzke

Es braucht: noch mehr Hitze. Stickige Schwüle, Höllenbrodem, fiebrige Erregung. Vor dem Reden schaltet Peter Thiessen, Kopf der Hamburger Band Kante, die Klima-Anlage aus. In den Räumen seiner Plattenfirma Labels will er über das neue Album sprechen – und da passt es, wenn man beim Gespräch beinah zergeht. „Die Tiere sind unruhig“, so der Titel der CD, ist ein geglückter Versuch über die Hitze, der in wundersamer Weise den neuen Jahrhundertsommer vorwegnimmt. „Dass man durch die Stadt läuft und denkt, es könnte etwas passieren, dieses Gefühl kommt mir diesen Sommer häufig“, sagt Thiessen.

Hitze ist mehr als Wetter. Als Leitmotiv illustriert sie sowohl soziale als auch private Zustände: schwelende Unzufriedenheit, Stillstand, Nervosität, Sex, Lust auf Untergang. Und: Spaß. Die Postrockband Kante haut in die Saiten und entdeckt auf ihrem vierten Album mit Hilfe von Rock die Spielfreude wieder. Aufwändig, langwierig und finanziell nicht zu rechtfertigen war die Arbeit an der vorherigen Platte „Zombi“ (2004). Nach eineinhalb Jahren im Studio, in denen die fünf Musiker sich in stets neue Höhen experimentiert, ständig neue Schichten von Overdubs übereinandergelegt und sich in komplizierten Arrangements verausgabt hatten, stand die Band kurz vor der Auflösung. „Unterwegs war das Gefühl verloren gegangen, dass man das Album als Band aufgenommen hat“, erinnert sich Thiessen, der sich passend zum neuen Lebensgefühl lange Haare und einen Bart hat wachsen lassen. Schnell hergestellte Kohärenz wurde plötzlich für die Band überlebenswichtig. „Wir haben Gitarren, das Klavier und den Bass / wir haben das Schlagzeug, den Gesang, und all das / ist in guten Momenten für eine Weile / mehr als die Summe der einzelnen Teile“, sangen Kante einst in ihrem ersten großen Indie-Hit.

Gelöst und frei klingen die sieben langen Stücke auf „Die Tiere sind unruhig“. Es beginnt mit dem Titelsong: Ein Ton wie von einer fernen Alarmsirene warnt in nervösen Intervallen. Klavierakkorde und flirrende Strings legen sich – vorerst – beruhigend darüber. Gitarren setzen ein. Peter Thiessen, der alle Lieder im vergangenen Sommer geschrieben hat, singt von einem drückenden Tag in der Stadt. Im Refrain verdichtet sich die aufgestaute Spannung in dem Unheil verheißenden Satz des Beat-Poeten Rolf Dieter Brinkmann: „Die Tiere sind unruhig“. Danach übernimmt eine breite Front aus Reverb-Gitarren. Der Berliner Produzent Moses Schneider, der schon Tocotronic bei ihrem letzten Album von Pomp und Perfektion befreit hat, ermutigte die Band, Fehler zuzulassen, den Sound von Ornamenten zu befreien. Und so klingen Kante dann plötzlich wie die von ihnen so verehrten Queens Of The Stone Age, mit überraschenden Songstrukturen und Blueseinflüssen, zackig und endlich auch – kantig.

Die Stimmungslagen ändern sich wie Aggregatzustände bei wechselnder Wärme. „Ich hab’s gesehen“ erzählt von unschönen, alttestamentarischen Visionen. Stakkatogitarren zerhacken die Horrorbilder. „Die Wahrheit“ mault trotzig vom Überdruss. Im verspielten, groovenden Stück „Die größte Party der Geschichte“ klagt die Band, nie auf die richtigen Feiern zu kommen. Gitarrist Felix Müller rappt als Türsteher vor der Hölle, wo die Mutter aller Partys kocht. Der Instrumentaltrack „Ducks and Daws“ fällt heraus aus dem Rockgetöse und erinnert mit Bläsern, Jazzpiano und Bongos an frühere Platten.

Das Album endet mit melodramatischen Streichern der tieftraurigen, sinfonischen Ballade „Die Hitze dauert an“. Als alle Töne fast verklungen sind, singt Thiessen, nur noch begleitet vom Klavier: „Die Füchse trauen sich raus / wittern den Müll hinter dem Haus.“ Es ist auch der Sommer des Problembärs Bruno. Die Tiere sind „außer Rand und Band“, konstatierte der bayrische Umweltminister, als er erlegt war.

Das Cover des Albums, gestaltet von Thiessens Ehefrau Ruth May, zeigt auf rotem Banner zwei Bären, die aufeinander losgehen. Auf Fotos sieht man die Band in Tierkostümen, Gorilla, Igel und Panda posieren einträchtig vereint. Auch auf Alben verwandter Hamburger Bands wie Blumfeld und Tocotronic wimmelt es auf einmal von Tieren. Thiessen, der einst bei Blumfeld Bass spielte, verweist auf eine lange afro-amerikanische Musiktradition: „Als Tier verkleidet stellt man sich außerhalb der menschlichen Gemeinschaft und sucht einen andere Form des Sprechens, eine Sprache ohne Inhalt, die ins Lauthafte geht.“ Bei Kante, ähnlich wie bei Tocotronic, geben die Motten, Vögel, Füchse poetische Randsignale, auf die es sich zu hören lohnt.

Man kann Problembären kurzerhand einen Fangschuss verpassen, es hilft aber nichts: Von den Rändern kommen unaufhaltsam die Veränderungen, die Gewitter, die Revolutionen. „Die Tiere sind unruhig“ verstärkt das ferne Grummeln zum Donnern. Schlafende Hunde sind geweckt.

Das Album „Die Tiere sind unruhig“ erscheint heute bei Labels/EMI.

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