Kultur : Alles wird anders?

SILVIA HALLENSLEBEN

Viele schöne große Worte sind im letzten Jahr gefallen.Von Mediendialog war die Rede, von Standbeinen und -orten, Marketing und Opening und natürlich dürfte auch der Synergieeffekt nicht fehlen.Viel also wurde geredet und geschrieben im Kampf um die Neukonzeption des Potsdamer Filmfestivals.Nicht nur Menschen, auch Namen mußten fallen.Schließlich hatte das Potsdamer Filmfestival unter dem von manchen belächelten Namen "Europäischer Salon für Liebhabers des jungen Films" lange Jahre eher erfolglos vor sich hin gedümpelt.Und als dann, letztes Jahr, mit neuem Konzept und neuer Spielstätte, das Publikum endlich kam, da war der Ruf der Festivalleiterin Irina Knochenhauer nicht mehr zu retten gewesen.Was tun? Die verantwortliche Staatskanzlei tat das Übliche.Sie veranstaltete eine Ausschreibung.Deren Ergebnis fiel wohl nicht ganz so aus wie erhofft.Jedenfalls machten die ansässigen Medienunternehmen Druck.Also legte man nach.Und nach fast halbjährigem Geplänkel, einigem bösen Blut und einigen verzögerten Entscheidungen wurde schließlich im Februar der Öffentlichkeit ein neuer Veranstalter präsentiert: die Medieninitiative Babelsberg, Konsortium einer Anzahl in Babelsberg ansässiger Unternehmen unter Einschluß der UFA ("Gute Zeiten, schlechte Zeiten") und des Filmstudios - und das Ganze unter der Projektleitung des Ventura-Filmverleihs und seiner Geschäftsführerin Heidrun Podszus, die nun als Festivalleiterin fungiert.

Aus dem "Filmfestival" wurde ein "FilmFest".Das Konzept, kurz und griffig: "ein Festival fürs Publikum".Realistisch will man sein und modern, was immer das im Kino heißen mag.Gestern abend nun wurde im Babelsberger Thalia-Kino das neukonzipierte "Potsdamer FilmFest" eröffnet.Auf Worte mußten Taten folgen.Alles wird anders: Das war der Tenor, der als kämpferisches Leitmotiv über dieser sonst eher orientierungslosen Veranstaltung lag.Alles wird anders: Dabei sieht es erstmal so aus, als hätte man die zugkräftigsten Ideen aus dem Vorjahresprogramm nur ausgeborgt und umbenannt.Scheint zum Beispiel die Reihe "Reality bites", die die neue Wirklichkeitsnähe bezeugen soll, nicht geradewegs der letztjährigen "Generation X" entnommen? Auch die Hommage, die Kinderreihe, etc.: Alles schon dagewesen.

An diesem Eröffnungsabend nun aber schien überdies alles nur schiefzugehen in Babelsberg.Daß die Grußworte langweilig bis lächerlich waren, nun gut, wer hätte anderes erwartet.Daß die neue Festivalleiterin es auf der unbeleuchteten Bühne gerade mal soweit brachte, ihr Team vorzustellen, "spannende und anrührende Filme" zu wünschen und einen Blumenstrauß entgegenzunehmen, ohne ihr Konzept auch nur ansatzweise vorzustellen, ließ das Mißtrauen der Anwesenden, ob sich hinter den schönen Worten auch Inhalte verbergen, merklich steigen.Trotzdem ließen sie im halbbesetzten Hauptkinosaal statt der angekündigten "Highlights" des Studentenfilmfestivals SehSüchte zwei andere Kurzfilme geduldig unscharf an sich vorüberziehen, bevor dann doch noch ein "Sehsüchte"-Glanzstück, nämlich Sebastian Petersons himmlisch-witziger "Die Liebe der Mannequins" (allerdings als Videokopie) im Lachen versöhnte.Dubios auch die Entscheidung, zur Eröffnung eines Filmfestivals in vier Sälen vier Filme gleichzeitig zu zeigen, von denen drei schon entweder in Kino oder Fernsehen liefen.Und der Hauptfilm, auch dieser aus dem Video-Strahler, Frank Beyers Verfilmung von Manfred Krugs "Abgehauen" war am gleichen Abend eine Stunde früher in der ARD zu sehen."Abgehauen" ist ein schlechter Fernsehfilm, ein Hörspiel schon eher, ein Kinofilm schon gar nicht.Die mögliche Diskussion darüber mit Machern und Darstellern wurde professionell abgewürgt.Was für eine "Publikumsorientierung" also meint das Festival?

Einig waren sich die Anwesenden in ihrer Unterstützung der einzigen wirklich neuen Idee, einer Filmreihe zum Thema Neonazis und "Rechte Kerle".Bei der Gelegenheit konnte der Kulturbeigeordnete der Stadt Potsdam, Klaus Dobberke, sogar noch eine Neuigkeit mitteilen: daß die Stadtverordnetenversammlung Potsdam beschlossen habe, "zu prüfen, die Wehrmachtsaustellung auf Dauer nach Potsdam zu holen".Sicher die wichtigste inhaltliche Äußerung des Abends.Anlaufschwierigkeiten sind überall gestattet.Nun läßt sich nur hoffen, daß das Filmfest Potsdam im Laufe seiner nächsten vier Tage zu besserem Format aufläuft.

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