Kultur : Allesbrenner

Eine Installation von Natascha Sadr Haghighian in der Galerie Johann König

Wo immer ein besonderes Ereignis stattfindet, hat es kurz danach schon jemand vorher geahnt. Dergleichen könnte auch Natascha Sadr Haghighian passieren angesichts ihrer Ausstellung „Früchte der Arbeit“ bei Johann König. Die Ausstellung arbeitet mit Täuschungen und Enttäuschungen, und die erste Enttäuschung ist besonders auffällig, denn bei dieser Präsentation bleibt der Betrachter gewissermaßen ausgeschlossen.

Der eigentliche Ausstellungsraum ist durch eine Glasscheibe abgetrennt. Dahinter aber sind die „Früchte der Arbeit“ zu sehen – glänzende Äpfel, die sich später als künstlich erweisen. Auf den ersten Blick aber sind sie, wie sie von der Decke hängen, zum Anbeißen und bilden den Konterpart zum Arrangement vor der Glasscheibe. Für die Künstlerin ist diese Scheibe auch eine Art Monitor, sie bezieht sich damit auf die LCD-Flachbildfernseher, die aktuell nicht groß genug sein können. Und auf dem Fernseher sieht die Welt ja immer schöner aus.

Nur davor steht in der Galerie ein Allesbrennerofen mit seltsamen Papierbriketts. Es sind geschredderte Euronoten im Wert von etwa 90 Millionen Euro. Die Künstlerin hat sich für die Leihgabe mit einem Vertreter der Bundesbank getroffen, um die Briketts zur Verfügung gestellt zu bekommen. Verfeuert werden sie allerdings nicht, und mit Verweis auf die aktuelle Finanzkrise ließe sich auch behaupten, dass ja schon genug Geld verbrannt wurde.

Doch die Künstlerin weist in ihrer Installation auf eine weitere Ebene hin. Schließlich wurde mit der Einführung des Euro ein Kapitalverlust besonderer Art in Kauf genommen, weil sich das der Bevölkerung nominell verfügbare Vermögen auf die Hälfte reduzierte. Das nennt man Wertschöpfung durch Wertvernichtung. Was aber vernichtet ist, bringt auch keinen Ofen mehr zum Glühen.

So bleibt es in der Ausstellung bei Bild und Abbild. Nur das skulpturale Abzugsrohr des Ofens findet seinen Weg hinter die Scheibe, um dort Plastikäpfel aus chinesischer Produktion aus dem Rohr zu entlassen. Im Raum blinken derweil Blitze in den Farben der europäischen Gemeinschaft, während die Bässe einer Technomusik durch die Glasscheibe wummern. Eine Komposition aus der Hand eines Arrangeurs. Anonyme Arbeit gegen individuelle Handschrift, das Kapital des Westens versus immer neue Produktionsstätten im Osten, wohin die Massenfertigung billig ausgelagert wird. Unwillkürlich fragt man sich: Ist die Party schon vorbei, oder hat sie noch gar nicht begonnen?

Wahrscheinlich findet sie erst statt, aber man kann ja schon mal für die nächste Euphorie am Aktienmarkt üben. Schließlich werden die Reichen wieder reicher und die Armen ärmer, sonst müsste man sie umbenennen. Die Ausstellung von Natascha Sadr Haghighian ist eine gelungene Allegorie der Untiefen des Kapitalismus, auch wenn sie auf den ersten Blick etwas oberflächlich scheint. Dasselbe lässt sich allerdings von Hans Haacke sagen, in dessen Tradition das Werk der Künstlerin zu sehen ist. THW

Galerie Johann König, Dessauer Straße 6–7; bis 7.3., Di–Sa von 11–18 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben