Kultur : Allianz der Unschuldigen

Die Berliner Opernstiftung zieht die Notbremse

Christine Lemke-Matwey

Gewusst haben es alle. Von Anfang an. Jedem Beteiligten und Betroffenen war klar, dass das von der Berliner Opernstiftung umzusetzende „Opernstrukturkonzept“ früher oder später an die Wand fahren würde. Mit Karacho. Bis 2009, so der Auftrag seit Stiftungsgründung am 1. Januar 2004, sollten bei Erhalt der wirtschaftlichen und künstlerischen Unabhängigkeit der vier Stiftungskinder (die drei Opernhäuser plus Staatsballett) insgesamt 16,8 Millionen Euro eingespart werden – eine so utopische wie groteske Zahl, wurschtelt man sich nur einmal ansatzweise durch die institutionellen Strukturen und ihre krustigen Details.

Diese Arbeit hat sich jetzt Michael Schindhelm gemacht, seit 12 Monaten Generaldirektor der Stiftung, und das Ergebnis seiner „kritischen Analyse“ – gestern Vormittag im Rahmen einer Pressekonferenz an der Seite von Kultursenator Thomas Flierl verkündet – fällt wenig schmeichelhaft aus: Für Flierl nicht, der hier offensichtlich eine dicke Katze im Sack verkauft hat, wohl wissend, dass die brutalstmögliche Aufklärung in Sachen Berliner Opernreform die Stadt vor zwei Jahren möglicherweise ein Haus gekostet hätte (nämlich das an der Bismarckstraße) und ihn selbst den Kopf; für die Intendanten nicht, die hinter den Kulissen weiterhin nur mäßig zu kooperieren scheinen; und für Schindhelm selbst auch nicht, dessen Team ein ganzes Jahr lang mit der Herstellung jener „Datensicherheit“ beschäftigt war, auf deren Grundlage die Dinge nun noch früher noch finsterer aussehen als prognostiziert.

Einzeln mag man fast niemandem einen Vorwurf machen. Schindhelm nicht, der die Berliner Opernsituation nach wie vor als eine der „ereignisreichsten, vielfältigsten und aufregendsten“ einstuft: Vielleicht hat er, aus Basel kommend, eine gewisse Dynamik unterschätzt – und den Provinzialismus dieser Stadt. Den Intendanten wiederum ist nicht anzulasten, dass sie von Haus aus Egoisten sind (im Übrigen lässt sich über Kunst immer streiten). Und auch Flierl überzeugt in seinem stets wehrhaft vorgetragenen Bestreben, dass es zur Stiftung keine politische Alternative gebe. Am Ende ist es also eine Allianz der Unschuldigen, die die Katastrophe besiegelt. Wenn es denn zur Katrastophe kommt. Er wolle keine „Untergangsszenarien“ entwerfen, so der Kultursenator, auch der Ruf nach einem Generalintendanten gefalle ihm gar nicht. Um eine „Nachjustierung“ des Strukturkonzeptes ginge es – und also einmal mehr um die Frage, „welche Oper in welcher Form“ sich Berlin leisten könne. Das Ganze möglichst noch vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus am 17. September. Anstandshalber. Fragt sich nur, wer hier nach wem oder was ruft, und ob eine Wiederauflage der Debatte von vor zwei Jahren unter derart verschärften existenziellen Bedingungen überhaupt Klarheit schaffen kann.

Für 2006/07 blickt die Stiftung noch auf „konsolidierte Verhältnisse“. Die Wirtschaftspläne erfüllen die Sparvorgaben, die Zentralisierung der Abteilungen Personal und Finanzen ist besorgt, die Bühnenservice GmbH (der Zusammenschluss der sechs Werkstätten) bis Sommer geplant. Nahezu aussichtlos hingegen gestaltet sich die Lage ab 2008. Im Doppelhaushalt 2008/09 nämlich werden die Zuschüsse im Sinne einer veritablen Daumenschrauben-Dramaturgie noch einmal um 9,2 Millionen Euro gesenkt. Das, warnt Schindhelm, sei durch nichts zu erzielen. Der Personalabbau: nahezu abgeschlossen. Die Kartenerlöse: bestenfalls stabil. Und sehr viel mehr Spielraum bleibt da nicht.

Bis Herbst soll Michael Schindhelm nun eine „intelligente Lösung“ erarbeiten. Der Fantasie, so der Kultursenator kleinlaut, seien hier allerdings Grenzen gesetzt. Gewiss, die Gewinne erwirtschaftende Lindenoper sperrt sich massiv gegen jede weitere Etatkürzung, während Deutsche Oper und Komische Oper zu Zugeständnissen bereit sind. Daraus allein aber lassen sich noch keine goldenen Funken schlagen.

Drei konkrete Ansatzpunkte schweben dem Senator vor: Schindhelm möge die bestehenden „Leitungsstrukturen“ überdenken (also das Verhältnis zwischen den Intendanten und dem Stiftungsdach), außerdem Instrumente für die „mittelfristige Finanzplanung“ entwickeln und die „künstlerischen Kooperationen“ stärken. Und wenn dies alles nichts fruchtet? Er stehe weder für die Schließung eines Hauses noch für eine Fusion bereit, betont Schindhelm mehrfach. Unter Umständen aber sei der gordische Knoten von ihm nur mit einer „stärkeren eigenen Positionierung“ zu durchschlagen. Vom Generaldirektor zum Generalintendanten? Unter Umständen nur noch ein kleiner hastiger Schritt.

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