Kultur : Allmähliche Auflösung: Schauspielhaus Bochum mit Ibsens "John Gabriel Borkman"

Frank Dietschreit

Ezard Haußmann ist ein uneigennütziger Schauspieler - und liebender Vater. Erst läßt er sich von Sohn Leander fast drei Stunden lang am Gängelband führen, füllt den Menschenverächter Borkman mit innerlicher Vereisung aus. Dann möchte er den Zuspruch teilen und zieht den Sohn in den kräftigen Schlussapplaus des Volksbühnen-Publikums. Doch plötzlich brechen sich empörte Buhs Bahn. Hat sich der erschrocken dreinblickende Regisseur etwa an Stück und Autor vergangen, die Schauspieler in einen Abgrund aus Banalität und Blödelei geführt? Ganz im Gegenteil. Selten wohl sah man Leander Haußmann die Hölle der Familienbande und den Terror der erdrückenden Liebe so sensibel und konziliant ausloten. Ibsens Schauspiel von der Selbstgerechtigkeit eines Herrenmenschen und dem Mord am Geist der Liebe ist dem scheidenden Bochumer Intendanten kein beliebiges Spielmaterial für inszenatorische Gags. Leander Haußmanns "John Gabriel Borkman" ist eine Elegie auf die Nöte des verpfuschten Daseins und das schmerzliche Verwehen der Zeit.

Welche Genugtuung für einen, von der Kritik mehrere Jahre schmählich links liegen Gelassenen: Am Ende seiner "Spaß-Guerilla"-Zeit in Bochum endlich wieder eine Einladung zum Berliner Theatertreffen. Denn Haußmanns Konzept geht auf. Die Welt der Borkmans ist verstaubt, die Zeit scheint stehen geblieben. Doch dann, wenn Gunhild und Ella - unglaublich verhärmtMargit Carstensen, mit Lust ausschreitend Traute Hoess - ihre erste Schwestern-Schlacht absolviert haben, senkt sich der Bühnenhimmel. Der vorher nur durch seine nervenaufreibenden Schritte gegenwärtige Borkman erdrückt, ja zerquetscht mitsamt seinem Dachzimmer die unter ihm liegende Frauenwelt. Ein starkes, überwäligendes Bild (Bühne: Franz Havemann) - und nicht das einzige. Denn später löst sich das Bühnenbild allmählich auf, verschwindet der Plunder eines abgelebten Lebens, wartet auf den in eine leere Winterlandschaft hinauslaufenden Borkman der Tod. Eine schöne Pointe einer schönen Inszenierung.

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