Kultur : Alltag in Moosgrün

Zu Gast in Berlin: der Prager Dichter Petr Borkovec

Tobias Lehmkuhl

Unauffällig gekleidet betritt er das Kant Café, eine zartgliedrige Gestalt. Zuerst fallen einem Petr Borkovec’ Finger auf, kaum kräftiger als die Zigarette, die sie halten. Sein Gesicht, von der Berliner Frühlingssonne getönt, dazu Bartstoppeln, die Schläfen silbrig durchwirkt. Die moosgrünen Augen leuchten, verstrahlen hypnotischen Glanz. Genauso treten einem die Gedichte des 35-jährigen Tschechen entgegen. Ihr Ton ist unaufgeregt und fest, von wohl überlegter Sicherheit. Niemals geraten sie aus der Form. Wie kleine Sandsteinskulpturen stehen sie da. Fein gearbeitet und entschlackt. Dabei bergen sie alle Melancholie und alles Glück der Welt: „Ich beobachtete den Rauch deiner Zigarette,/die Buchumschläge auf dem Nachttisch, Blumen,/Fische, Vögel auf der weggeschleuderten Decke – / sie flossen, schwammen, flogen in den Teppich,/wo sie zu blauer Geometrie erkalteten.“

Petr Borkovec verbringt gerade ein Jahr als Gast des DAAD in Berlin, ein Jahr, in dem er der Sorgen enthoben ist, die ein Leben als freier Autor mit Frau und vier Kindern in Prag mit sich bringt. Bis vor vier Jahren arbeitete er noch als Redakteur. Seit der verdienstvolle Wiener Verlag Edition Korrespondenzen seine Gedichte druckt – „Feldarbeit“ (2001) und „Nadelbuch“ (2004), beide übersetzt von Christa Rothmaier – und sich hin und wieder eine Lesung in Deutschland oder Österreich ergibt, hat er es jedoch gewagt, auf ein regelmäßiges Einkommen zu verzichten. Übersetzungen russischer Poesie und Übersetzungen griechischer Tragödien für das Prager Nationaltheater halten ihn in der Regel über Wasser.

In Berlin genießt er nun die Freiheit vom Druck des Geldverdienens. Das hat auch Einfluss auf sein Schreiben. Zum ersten Mal wagt er sich an Prosa, fabriziert fragile Miniaturen über Orte in Berlin, die einem Einheimischen kaum eingehenderer Betrachtung wert erscheinen; der Blick des geschulten Beobachters aber enthebt etwa den Henriettenplatz seiner Alltäglichkeit. Im Kant Café, seinem bevorzugten Schreibort, sitzt Petr Borkovec nun und wehrt Vermutungen über seine Motive ab. Die stille Bestimmtheit seiner Gedichte sei weder Reaktion auf das Lärmen der kommunistischen Ideologie noch auf den Ansturm der Bilder in der neuen kapitalistischen Medienwelt. Borkovec will einfach keine Bekenntnislyrik schreiben. Das Aussprechen von Gedanken und Gefühlen im Gedicht erscheint ihm unanständig, darum zieht er sich auf Räume und Landschaften zurück.

Die äußere Wirklichkeit sei prekär genug, wie könne man da auch noch über das Ich Aussagen zu treffen. Selbst Metaphern, sagt er, seien ihm zu persönlich. So gebraucht Borkovec eine klare, fast reine Sprache, „eine sanfte Sprache, die schnell/auf den kalten Gegenständen zergeht.“ Dabei hinterlässt sie ein feines Häutchen, durch das man die Dinge klarer wahrnimmt als zuvor.

Borkovec liest heute um 20 Uhr mit seiner Übersetzerin Christa Rothmaier in der DAAD-Galerie, Zimmerstr. 90/91, 10117 Berlin. Moderation: Michael Krüger.

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