Kultur : Alltag, ostwestlich

FOTOGRAFIE

Eva Karcher

Solche Bilder wird es bald nicht mehr geben: ein Frauentrio vor einem grau-beigen Filztuch, alle drei mit Kopftüchern, Pantoffeln, fleckigen hellen Plastikschürzen und toten Fischen in der Hand. Ein bisschen verlegen, aber gut drauf blicken die „Rollmopspackerinnen“ 1963 auf Büsum in die Kamera. 1990 in Warnemünde stehen wieder drei vollschlanke Damen vor einem Vorhang, diesmal „Fischfachverarbeiterinnen“ genannt. Neckische Käppis im Haar, Gummistiefel an den Füßen, halten sie die Nordseedelikatessen zwischen den gespreizten Fingern, als seien es dreckige Waschlappen.

Der Arbeitsalltag West und Ost gleicht sich fatal, trotz 30 Jahren Zeitunterschied. Stefan Moses , begleitet die Deutschen seit den Fünfzigern hier wie dort mit der Kamera, wenn er nicht als Fotoreporter in Europa, den USA, Israel oder Südamerika unterwegs ist. Die Fotozyklen, die „um Deutschland kreisen“ (Moses) und weitere Porträtserien des 1928 geborenen Wahlmünchners zeigt das Münchner Stadtmuseum bis zum 23. Februar in einer Retrospektive, die bis 2005 durch Deutschland touren wird und von einer umfassenden Monografie begleitet wird (Schirmer Mosel, 25 € in der Ausstellung, 68 € im Buchhandel). Moses war und ist vor allem der Chronist der Republik und ihrer Politiker, Philosophen, Liebespaare. Er porträtiert sie vor Kulissen wie dem Wald oder mit Spiegel und Maske. Der Künstler lässt seine Akteure sich selbst inszenieren und zwingt ihnen keine Posen auf. So entsteht ein Spiel, in dessen Verlauf sich der Mensch immer ähnlicher wird. „Erinnerungshilfen“ sollen seine Bilder sein, sagt Moses bescheiden. „Ich halte Menschen fest, bevor sie verloren gehen.“

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