Kultur : Allzu geordnet

Wer die Missa solemnis von Beethoven aufführen will, kann sich eigentlich nur aussuchen, auf welche Weise er an ihr scheitern will.So oft der Heilige Geist im Meßtext auch angerufen wird, er verhalf der Partitur nicht zu einem ausgewogenen Verhältnis von Melodie, Rhythmus und Harmonik.Trotz intensiver Tonregie, die Michael Gielen über das Berliner Sinfonie-Orchester, den Berliner Rundfunkchor und das Solistenquartett im Schauspielhaus verhängte, konnte auch diesmal ein großes Fragezeichen nach dem letzten Amen nicht ausbleiben.Hinzu kommt eine schier unmenschliche Kraftanstrengung vor allem für den Chor, so daß hierin einerseits ein Grund liegt, seine deklamatorische Leistung zu bewundern, andererseits eine Quelle kaum vermeidbarer Mängel.Gielen sucht wie stets sein Heil in klanglicher Transparenz, einem Fetisch, dem viel geopfert wird.Er will selbst da noch strukturieren, Tonballungen zerlegen, wo Chaos angesagt ist wie in den das "dona nobis pacem" störenden Fugati.Immer in geregelter Schlachtordnung das durch die Stimmen wandernde Thema hervorstechen zu lassen, zeigt zwar dynamischen Eigensinn - wie aber, wenn Beethoven gerade die Wirrsal einer unbefriedeten Seele hätte darstellen wollen und nicht nur kriegerische Störung des äußeren Friedens durch Battaglia-Sprache? Wenn es beim Dirigieren nur darum ginge, ein röntgenologisches Gutachten über eine Partitur abzulegen, wäre Gielen sicher ein gern bestellter Spezialist.Daß Beethoven viel kontrapunktische Intelligenz walten ließ, um seinem mit der Schöpfung hadernden Herzen kompositorisch Luft zu machen, ist unüberhörbar.

"Möge es - wieder - zu Herzen gehen", wünscht Beethoven, aber auf dem Umweg über Gielens Pult als Seziertisch bleibt zu viel musikalische Substanz und das sind immer auch Gefühlsgehalte - viel Zittern und Zagen - auf der Strecke.Das letzte Nachschimmern barocker oratorischer Beredsamkeit, das wir in Beethovens Missa erleben können, beispielsweise der ganze, von einer Solovioline verzierte Chorsatz des Benedictus, koloristische Wortauslegungen wie beim "descendit de coelis" oder beim "incarnatus", gelingt unter Gielens Regie äußerst plastisch; von seinen anderen dynamischen Extravaganzen gelingt das mehrfach als willkürliche Veränderung eingebrachte subito piano wesentlich prägnanter als das ein einziges Mal so richtig bedeutungsschwer vorgeschriebene sforzato im Credo.Eine dem Charakter der Komposition wunderbar angemessene Idee war es, das weiblich dominierte Solistenquartett auf der Chorempore zu plazieren, wo es sich wie eine aus dem Tutti-Stamm herauswachsende Stimmabzweigung ausnahm.

Gielen ist langsamer geworden.Er kann jetzt das, was er mit huschigen Tempi bislang nicht erreichte, Beethoven aber fordert: dirigieren mit Andacht.

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