Kultur : Almond, Zumthor und Federle in der Berliner Galerie Hetzler

Peter Herbstreuth

Der Besucher hat es mit drei Ausstellungen zu tun, die unvereinbar sind, weil jede eine andere Brille braucht. Der Architekt Peter Zumthor lässt in Hetzlers Fabriketage das Modell für das Gebäude der "Topographie des Terrors" von fünf dunklen Gemälden des Malers Helmut Federle umgeben. Und der Künstler Darren Almond hat in die Ladengalerie zwei Wartehäuschen für Bushaltestellen gebaut, die er in Oswiecim abmontiert hat. Bis vor kurzem standen sie vor der dortigen Gedenkstätte.

Doch es gibt kategoriale Unterschiede. Zumthors Modell verweist auf den Bau, der in der Nachbarschaft der Galerie entsteht. Soll man nun vom Modell, vom künftigen Gebäude oder von der historischen Topographie sprechen? Bei Federles Gemälden sieht man die Wirklichkeit als vollendete Gegenwart im Maßstab 1:1. Bei Almonds Fundstücken hat man es hingegen mit einem prekären Bedeutungsknoten zu tun, weil ein Film mit der Musik Arvo Pärts das heutige Umfeld, aus dem die Wartehäuschen stammen, vage vergegenwärtigt.

Die Schau präsentiert so drei Wege der Kunst zur Wirklichkeit: Sie kann als Modell, als autonome Tatsache oder als fait social auftreten. Und weil Hetzler keine Ausstellung zeigt, sondern mit großer Lakonie ein Problem darlegt, erkennt der Besucher zunächst ratlos die Unvereinbarkeit. Sie gäbe es auch dann, wenn es sich nicht um ein solch horrendes Thema handelte. Offenbar will die Galerie einen Beitrag zum Verständnis der Gegenwart aus der Perspektive der Kunst leisten und bietet drei Brillen an, um sich der ehemaligen Hauptstadt des Terrors zu nähern. Galerien verfahren meistens innerhalb von Entlastungsstrategien. Kunst dient dem Vergessen dessen, was einen im Alltag angeht.

Hetzler, der diesem gesellschaftlichen Aspekt wie alle anderen des Metiers inklusive uns Kritikern Tribut zollt, fordert die Dienstleister im Unterhaltungsbetrieb heraus. Bislang waren fast alle Künstler, die sich mit "Auschwitz" beschäftigten, der Größe des Sachverhalts nicht gewachsen. Man wurde mit den unsäglichsten Ausstellungen konfrontiert, die deutlich machten, dass sich viele nicht durch die Kunst, sondern durch das Thema die öffentliche Aufmerksamkeit erschleichen wollen. Manchmal genügte ein name-dropping von Amtsinhabern oder Schädelstätten aus der Zeit 1933-45, um kompetenzlos an Stipendien zu kommen. Das dürfte seit der anhaltenden Diskussion um das Mahnmal neben dem Brandenburger Tor vorbei sein. Überdies bilden mittlerweile Zeichen und Symbole ein so dichtes Gewebe als eigene Realität, dass eine gleichsam unmittelbare Annäherung keinen Naivitätbonus mehr beanspruchen kann. Künstler und Architekten handeln als Beobachter zweiter Ordnung. Sie reagieren auf Reaktionen, in die der Abstand zum tatsächlichen Geschehen bereits eingegangen ist.

Letztes Jahr widmete der Maler Luc Tuymans in der Galerie Gebauer dem Rüstungsminister Albert Speer eine Serie kalt verblasster Bilder. Er bezog sich dabei auf einen verwackelten Privatfilm aus Speers Skiferien 1943. Speer hatte das Lager in Mauthausen inspiziert und dann an Himmler telegrafiert, das Lager sei zu großzügig gebaut. Daraufhin fuhr er mit seiner Frau in Urlaub. Dieser Zusammenhang ist bildkünstlerisch nicht zu bewältigen. Wenn sich Künstler aber über Beiläufiges und Vermitteltes nähern, mag es den Blick auf Vergangenes in der Gegenwart zu schärfen.

Der Londoner Darren Almond sieht in Oswiecim eine Sehenswürdigkeit für Touristen. Am Wartehäuschen betreten und verlassen sie den Boden der Geschichte. Morgens fahren von dort Männer und Frauen mit dem Linienbus zur Arbeit. Es gehört zum Alltag. Doch im ästhetischen Bezug ist es mehrfach kodiert. Denn Almonds Arbeit gilt der Differenz zwischen dem historischen Realraum Auschwitz, der Metapher "Auschwitz", dem Klischee Auschwitz und der Stadt Oswiecim. Dem entspricht die Ausstellung insgesamt.

Hetzlers Insistenz auf Unterschiede und unverbundenes Nebeneinander ist möglich, wenn Oberflächen als Masken von Abgründen gelesen werden. Wie weit man sich vom Vorwissen entfernen kann oder muss, um Oberflächen noch zu durchschauen, beantwortet jeder mit einer anderen Brille. Passanten schweben in Almonds Film wie Schatten in Zeitlupe vorüber. Es schneit. Aus dem Walkmann tönt ein Largo von Arvo Pärt. Man sitzt am Wartehäuschen und schaut. Ein Warhol-Effekt liegt nicht vor; in den Oberflächen hausen die Gespenster.Galerie Max Hetzler, Zimmerstraße 89

bis 30.Oktober bzw. 6. November; Dienstag

bis Sonnabend 11-18 Uhr.

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