Kultur : Als Brüder zur Sonne

Berlins Kultursenator präsentiert die Opernreform: Drei Häuser können überleben–wenn sie kooperieren

Frederik Hanssen

Jetzt ist es raus: Nach all den Monaten des Wartens, des Spekulierens und Debattierens hat Berlins Kultursenator Thomas Flierl am Montag endlich sein Opernreformkonzept vorgestellt. Ein Konzept, das nicht seinem Herzen entsprungen ist, sondern den Notwendigkeiten des eisenharten Konsolidierungskurses des Landes. Aber auch ein Konzept, das klug kalkuliert ist und vor allem die gesamte, höchst komplexe Gemengelage der lokalen Musiktheaterlandschaft berücksichtigt. Wenn das Papier am heutigen Dienstag im Senat eine Mehrheit findet – und davon ist auszugehen, weil es sowohl mit Klaus Wowereit als auch den Koalitionsspitzen abgestimmt ist –, dann ist ein Ende der Krise in Sicht, dann wird es auch in Zukunft in Berlin drei Opernhäuser geben.

Thomas Flierl hat am Montag im überfüllten Presseraum des Roten Rathauses eine gute Performance hingelegt. Was er zu sagen hatte, war konstruktiver als das meiste, was in jüngster Zeit von den Bühnen selber schallte. Flierl verordnet den drei Häusern einen Intensivkurs in französischer Geistesgeschichte: Liberté, also Freiheit, wird es künftig nur noch geben, wenn sie Hand in Hand geht mit Egalité und Fraternité, mit Gleichheit also und mit Brüderlichkeit.

Drei Partner soll die Stiftung „Oper in Berlin“ zusammenfassen, die miteinander konkurrieren, nicht gegeneinander. Dafür wird ein „Generaldirektor“ sorgen. Gesucht wird ein Mann mit Managementqualitäten und gleichzeitiger Affinität zum Gegenstand. Dieser Mann soll, um es neudeutsch zu formulieren, das Markenprodukt „Oper in Berlin“ weiterentwickeln, verkaufsfördernd das Image aufpolieren, die Aktivitäten der verschiedenen Tochterfirmen unter dem Dach der Holding koordinieren. Wer weiß, wie charmant die Herren aus den Chefetagen der Musiktheater miteinander umzugehen pflegen, wird sich da einen altgedienten Herrn aus dem diplomatischen Dienst vorstellen.

Über Namen allerdings wurde an diesem Montag entgegen üblichen Berliner Gepflogenheiten einmal nicht geredet. Während im Opernparadies München pikanterweise zeitgleich einer der profiliertesten Berliner Kulturköpfe, Kent Nagano, zum neuen Chefdirigenten des Nationaltheaters ausgerufen wurde (siehe Meldung auf der folgenden Seite), hielt man sich in Berlin an brutale Zahlen und bittere Fakten. Bevor Flierl über künftige Würdenträger nachdenken kann, muss er schließlich erst einmal seine Opernrepublik nach französischem Vorbild durch die Gremien bringen.

Was die Fraternité betrifft, so brauchen hier vor allem die Mitarbeiter der Staatsoper Nachhilfeunterricht. Ihre Haltung des „L’opéra, c’est moi“ soll bald der Vergangenheit angehören. Flierl will die Festung Staatsoper schleifen wie die Pariser Revolutionäre einst die Bastille. Dabei kommt ihm eine Analyse der Deutschen Opernkonferenz aus dem Dezember 2002 zu Hilfe: Sie konstatiert eine Überfinanzierung der Staatsoper von 4,5 Millionen Euro pro Jahr. Davon werden nun zwei Millionen zugunsten der darbenden Komischen Oper umverteilt. Dem zu erwartenden Donnerwetter sieht Flierl gelassen entgegen: „Die Staatsoper wird bald erkennen, dass ich auch an ihrer Seite stehe.“

Dass sich Intendanten wie Duodezfürsten gerieren, dass Dirigenten als Sonnenkönige auftreten, wird man also in Berlin nicht mehr erleben, wenn Flierls Konzept greift: Denn die Intendanten bleiben zwar Leiter eigenständiger Häuser und haben ein Vetorecht gegen Entscheidungen des Stiftungsvorstands, doch das allerletzte Wort liegt beim Stiftungsrat, dem neben dem Senator auch vier vom Abgeordnetenhaus berufene Vertreter angehören. Hier wird aufgepasst, dass sich die Künstler nicht nur bei der Spielplanabstimmung brüderlich verhalten.

Was aber bringt nun Flierls Konzept, was die komplizierte Umwandlung der Häuser, von Staatsbetrieben in GmbHs unter dem Dach einer Stiftung? Einerseits Planungssicherheit für die Opern, weil die Subventionen für fünf Jahre festgeschrieben werden. Andererseits 9,6 Millionen Euro strukturelle Einsparungen ab 1.1.2004. Auch wenn das dem Finanzsenator zweifellos zu wenig ist, für die Bühnen wird es ein hartes Stück Arbeit, weitere 220 Stellen zu streichen. Immerhin haben sie seit 1990 bereits 840 Mitarbeiter entlassen. Im Gegenzug wird ausgeschlossen, dass wirtschaftlich erfolgreiche Häuser zur „Quersubventionierung“ schwächelnder Konkurrenten herangezogen werden. Die Formulierung „Leistung muss sich lohnen“ klang aus dem Mund des PDS-Politikers Flierl etwas merkwürdig, meinte aber, dass ein „Rücklagenraub“ wie im Fall des Nachtragshaushalts 2003 ein einmaliger Vorgang bleiben soll. Wo genau die Arbeitsplätze wegfallen sollen, dazu macht der Senat keine zwingenden Vorgaben, doch es ist ein offenes Geheimnis, dass sich beispielsweise der designierte Intendant der Komischen Oper, Andreas Homoki, ein Haus ohne Ballett vorstellen kann.

Eine logistische Herkulesarbeit steht den geschäftsführenden Direktoren bei der Bildung der „Bühnenservice-GmbH“ bevor. Nicht nur die drei Opern und eine eigenständige Tanzkompanie sollen nämlich zu privatrechtlichen Gesellschaften werden, auch die nichtkünstlerischen Bereiche werden zu einer Einheit zusammengefasst: Dekorationen werden zentral in der Deutschen Oper gefertigt, Kostüme ausschließlich in den Räumlichkeiten der Staatsoper. Die Gründungskosten in Höhe von 3,6 Millionen Euro will der Bund übernehmen.

Und dann ist da noch der Vorschlag mit den Haustarifverträgen: Ein „Bündnis für die Bühnen“ soll unter anderem befristeten Verzicht auf Tariferhöhungen beinhalten. Nur wenn sich nämlich auch bei den Verträgen Entscheidendes bewegt, wenn Berlin zum Vorreiter einer Flexibilisierung der Arbeitszeiten im Dienste der Theaterpraxis wird, kann der hauptstädtischen Opernreform die Signalwirkung zufallen, die sich Flierl erhofft: „Wenn wir beweisen, dass es geht, kann man auch in anderen Städten so schnell keine Theater schließen.“

In den harten Verteilungskämpfen der kommenden Monate sollten alle Beteiligten öfter mal an die Französische Revolution denken: So gut sie von aufgeklärten Geistern vorbereitet war, so schnell rutschte sie beim Praxistest in die Terreur ab. Das sollten Maestri wie „Ver.di“ stets im Hinterkopf behalten, wenn sie mit Thomas Danton Flierl um die neue Verfassung der Häuser ringen. Fusionsbefürworter und Oberjakobiner Wowereit hat allen Beteiligten prophylaktisch schon einmal die Instrumente gezeigt, will anscheinend vorerst Milde walten lassen. Die Guillotine des Chefhenkers Thilo Robespierre Sarrazin aber steht allzeit bereit.

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