Kultur : Als das Kino laufen lernte

Endlich entdeckt: „Pioniere in Celluloid – Juden in der frühen Filmwelt 1910-1925“, eine Ausstellung im Centrum Judaicum

Kerstin Decker

Dass diese Ausstellung erst jetzt kommt, muss Gründe haben. Denn sie handelt vom Offenkundigsten: Das frühe Kino in Deutschland war vor allem ein jüdisches Ereignis. Aber bis heute, genauer bis morgen zur Eröffnung der Schau „Pioniere in Celluloid – Juden in der frühen Filmwelt 1910 bis 1925" im Centrum Judaicum hat es gebraucht, zum allerersten Mal daran zu erinnern. Kuratorin Irene Stratenwerth aus Hamburg hat das Thema nicht entdeckt. Im Gegenteil. Da arbeite ich schon zwanzig Jahre dran!, hörte sie oft genug, und dann legte sich eine abwiegelnde Spannung auf die Gesichter: Aber es ist eben doch ein sehr schwieriges Thema.

Schwierig, weil nicht zuletzt das frühe „jüdische" Kino unbefangen Filme drehte, die uns heute wohl antisemitisch scheinen würden. Und bei manchen Feinden des Kinos, die es als „Volksverwüstung" bis in den Reichstag hinein bekämpften, lässt sich fast nicht sagen, ob sie das Medium meinten oder seine Macher. Nicht nur die Ultrakonservativen, auch die Sozialdemokraten hätten sich ein anderes Instrument zur Aufklärung der Arbeiterklasse gewünscht.

Ernst Lubitsch, geboren 1892 in Berlin, hatte einen Onkel namens Sally, der größte Nichtsnutz der Familie. Er spielte und schwindelte und lebte vom Geld seiner Schwestern. Wäre Ernst Lubitsch wie sein Vater Lieferant für Damenkonfektion in der Schönhauser Allee geworden, wäre Onkel Sally nie berühmt geworden. Da Ernst Lubitsch aber bald entdeckte, dass ihn nur wenige Dinge auf der Welt so gleichgültig ließen wie die Damenkonfektion, gewann Onkel Sally eine außerordentliche Popularität. Irgendwie war es auch Notwehr, denn Max Reinhardt besetzte den Jungschauspieler Lubitsch an seinem Theater höchstens als besseren Statisten, den die Kritik gar nicht bemerkte. Aber in einer Januarnacht des Jahres 1914 kündigte sich ein sensationeller Erfolg an. „Die Firma heiratet" hatte Premiere, ein Film aus der Welt der Berliner Damenkonfektion mit Lubitsch als jüdischem Konfektionslehrling Moritz Abramowsky. Es war viel Onkel Sally in diesem Moritz, das Publikum lachte eineinhalb Stunden lang. Zum ersten Mal beherrschte ein Film „in allen neun Union-Theatern" volle 14 Tage vor ausverkauften Häusern den Spielplan. Ein halbes Jahr später startete die Fortsetzung „Der Stolz der Firma". Diesmal spielt Lubitsch als „Lehrling aus dem Bezirk von Posen" bereits die Hauptrolle. Lubitschs Vater war aus Grodno nach Berlin gekommen. Lubitsch hat seine ostjüdische Herkunft nicht vergessen, auch nicht in Amerika.

Kann sein, Lubitsch hätte sich selbst als Schauspieler nie besetzt. Ein amerikanischer Kritiker fand seine Darstellung „derb, ungeschliffen und – gemessen an unseren heutigen Maßstäben – eigentlich antisemitisch." Dem Erfolg der Konfektions-Filme mit Onkel Sally-Lubitsch konnte das nichts anhaben; es folgten noch viele. Und das mitten im Krieg. Das Land folgte gerade sehr anderen Männlichkeitsidealen, und auch die Sozialdemokratie misstraute dem Schlawiner als Erzieher der Arbeiterklasse. Eine nicht ungefährliche Konstellation. Der freie Geist – und einen freien Humor besitzt nur er – war noch kein Zeitgenosse in Deutschland. Lubitschs Erfolg war nicht zuletzt ein Missverständnis.

Nun ist die Ausstellung im Centrum Judaicum nichts weniger als eine Lubitsch-Schau, im Gegenteil, sie hat das Phänomen der jüdischen Anfänge des deutschen Kinos in allen Facetten im Blick und präsentiert längst vergessene Filme, Regisseure und Schauspieler. Der erste Raum erinnert an die Anfänge der (Berliner) Filmindustrie und deren Feinde. Auf metergroßen Fotos sehen wir in Freiluftkinos am Kürfürstendamm und in die kinematographischen Paläste der frühen Jahre. In einer Rotunde laufen Filmausschnitte. Wir dürfen einer „Öffentlichen Sitzung des Vereins zur Bekämpfung der Kinematographie ebenso beiwohnen wie dem Besuch Friedrich Eberts am Set von „Anna Boleyn", Regie: Ernst Lubitsch.

Es ist kein Zufall, dass Juden das Kino auf die Beine brachten. Das Medium war neu, unterlag nicht den Zugangsbeschränkungen, die Juden noch immer eine akademische Karriere oder hohe Ämter verwehrten. Es verlangte geradezu nach erfindungsreichen Menschen jenseits der Schranken von Herkunft, Religion und Standesdünkel: Rund zwei Millionen osteuropäische Juden gingen zwischen 1850 und 1920 auf der Flucht vor Pogromen und Revolution Richtung Westen, wie Lubitschs Vater. Der schöne Ausstellungskatalog kann eins niemals ersetzen: die Film-Ausschnitte. Sogar was 1938 in Berlin geschah, hält das Kino mit allem Schrecken schon vorher fest: das Pogrom in einem jüdischen Schtetl („Die Gezeichneten", Regie: Carl Dreyer, 1922). Auch das Meisterwerk des frühen Stummfilms, die „Golem"-Filme Paul Wegeners, sind nicht vergessen. Und nicht der bekannteste „Jude" der Filmgeschichte: Charlie Chaplin. Als typischer Jude wurde er wahrgenommen. Er war keiner, aber nach 1933 wollte er nicht mehr dementieren.

Centrum Judaicum, Oranienburger Straße 28-30, Mitte, bis Mai 2004, So. bis Do. 10-18 Uhr, Freitag bis 14 Uhr. Katalog 24,90 €.

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