Kultur : Als das Wünschen noch geholfen hat

Ideale Kunstwerke gibt es nicht – und wir brauchen sie doch. Sieben Kritiker reisen ins Reich des Guten, Wahren, Schönen

Gregor Dotzauer

Überraschungsbuch

Das ideale Buch“ stammt von dem Briten William Morris, einem großen Sozialisten zu Queen Victorias Zeiten. Der Göttinger Steidl Verlag hat es 1986 veröffentlicht, und dass man es seit Jahren nicht mehr kaufen kann, ist das geringste Problem. Das größere ist sein Untertitel: „Essays und Vorträge über die Kunst des schöneren Buches“. Interessiert das jemanden außer Bibliophilen? Wer sich durch Rezensionen und Verlags-Prospekte wühlt, findet für jede Zielgruppe etwas. Judith Steinbachers „Wir von der Feuerwehr" ist „das ideale Buch für einen vierjährigen feuerwehrbegeisterten Jungen“. „100 Top Drinks“ ist „das ideale Buch, um eine gelungene Cocktailparty vorzubereiten“. „K.I.S.S. Hunde“ mit dem „Rundumpaket für den Hund“ ist ideal „für den absoluten Einsteiger“, und „Mein Jahrhundert“ von Günter Grass ist „das ideale Buch für den Elftklässler, der für die Geschichtsklausur büffelt“.

Ein ideales Buch ist immer etwas für jemanden und niemals etwas an und für sich. Deshalb kann sich jeder alles wünschen: mehr Klassizismus und weniger Pop (oder umgekehrt), mehr Liebe und weniger Mord, weniger Adjektive und längere Sätze, dickere Bücher oder dünnere. Oder auch die perfekte Mischung aus Michael Crichton und Judith Hermann, versetzt mit einem Quentchen Arno Schmidt. Aber es kommt auf etwas anderes an.

Eine Freundin hat einmal erzählt, wie sie nach tagelanger Vorbereitung auf politische, wirtschaftliche und kulturelle Spezialdebatten zitternd zum Aufnahmegespräch an die London School of Economics schlich. Der Professor sagte nur: „Surprise me!“ Und sie überraschte ihn.

Traumspiele

Wer sagt denn, dass Träume nicht traurig sein dürfen? Ist ein Traumtheater, so wie die Märchen, nur was Lustig-Optimistisches? Also: Theaterkritiker, das ist doch eine fabelhafte Beschäftigung. Man träumt ja im Theater immer, möglichst mit offenen Augen. Heiner Müller („Lessings Schlaf Traum Schrei“) sagte mal, dass die Aufführungen, in denen man gut schläft und träumt, wirklich die guten sind. In schlechten Aufführungen schläft man unruhig, kriegt Alpträume. Vielleicht gehört Strindbergs „Traumspiel“ – und „Das Leben ein Traum“ von Calderón – deswegen zu meinen Lieblingsstücken, weil man zusehen darf, wie sich die Welt durch sich selbst verrückt; ein kleiner Schritt für einen Schauspieler, ein großer Schritt für die Menschheit sozusagen. Oder wie es bei Neil Young („Like a hurricane“) heißt: „I am just a dreamer and you are just a dream.“

Ich wünsche mir zwei sehr verschiedene Dinge: ein hartes, realistisches, politisches Theater und – Traumspiele. Denn das Langweilige, Ärgerliche, Überflüssige sind all die Zwischenlagen: das Unentschiedene, das gemacht wird, damit der Laden läuft und der Lappen hochgeht und die Zuschauer nicht auf eine leere, stumme Bühne starren. Was natürlich auch seinen Reiz haben kann: das große Nichts. Ist es der Jahresendzeit-Blues? Ich muss an Harald Juhnke denken (jetzt kommt das Traurige), der immer den König Lear spielen wollte. Dazu ist es nicht mehr gekommen. Jetzt sitzt er in diesem Pflegeheim und spielt in Stücken und Filmen mit, die allein in seinem Kopf existieren. Eine herzzerreißende Vorstellung! Ich wünsche ihm, dass der „Lear“ dabei ist. Aber mit solch depressiven Gedanken kann man nicht ins neue Jahr gehen. Ein letzter Versuch: Ich wünsche mir, dass Borussia Dortmund Deutscher Meister bleibt und Bob Dylan in Berlin wieder ein unvergessliches Konzert spielt. Kurz: Dass es Theaterpremieren gibt, die uns ebenso elektrisieren wie die anderen wichtigen Dinge des Lebens. Rüdiger Schaper

Häuserkampf

Über Architektur wird kaum mehr gestritten. Die unterschiedlichsten Stile münden in einen weitmaschigen Pluralismus. Aber die großen Namen sind nach wie vor gefragt: Jene, deren Nennung allein schon einem Bauwerk Ruhm verleiht. Meilenweit entfernt davon: das alltägliche Bauen. Hier ein Geschäftshaus, da eine Wohnsiedlung: Dafür braucht man keine Stars. Die anderen aber ahmen nach, was sie bei den Großmeistern erspähen. Verlorengegangen ist ein aus Tradition gewachsenes Gefühl fürs Bauen: Für das, was frühere Generationen mit dem Wort „schicklich" umschrieben. Bis ins frühe 19. Jahrhundert hinein muss es das gegeben haben, ehe der Historismus alle Stilepochen als Versatzstücke verbrauchte. „Um 1800“ heißt das in Fachzirkeln berühmte Buch von Paul Mebes aus dem Jahr 1908, das den Verlust dessen beklagte, was bei uns mit volkstümlich einen falschen Ton bekäme, jene Kultur ohne namentliche Urheber, jene selbstverständliche Berufung auf eine aus langer Dauer gewonnene Tradition.

Welche Tradition gäbe es heute zu bewahren? Dabei sind wir doch umgeben von remakes, etwa des Neuen Bauens der Zwanzigerjahre, vom Bauhaus bis zu Le Corbusier. Aus einer solchen Tradition zu schöpfen und zwar für alle Bauaufgaben, die scheinbar am Rande passieren und doch das Gesicht der Städte und ihres vernachlässigten Umlandes bestimmen, das wäre ein Wunsch – nicht für morgen, aber, allmählich wachsend, für eine nahe Zukunft. Bernhard Schulz

Opernglück

Die perfekte Utopie sieht aller Voraussicht nach ungefähr genau so aus: Vor dem Musentempel lange Schlangen, als streckte eine schwarzglühende Riesenkrake ihre Tentakeln aus, nach dem Erdenheil und nach den vielen blutjungen Menschen, die sich an der Kasse erbitterte Schlachten liefern – um ihre Zukunft. Denn nichts anderes wird hier verhandelt, heute, morgen, übermorgen. Und wer nicht dabei ist, der wird nichts wissen von sich selbst, vom Morgen oder Übermorgen. Der bleibt arm und fremd und gehört nicht dazu. Drinnen aber, im Zauberdunkel der Guckkastennacht, tanzen die Stecknadeln. Still ist es, sehr still. Im Graben vollkommene Musiker und ein feuerköpfiger Maestro, dem es ums Unerhörte geht, um Tod und Leben. Auf der Szene die größten Diven und herrlichsten Tenöre, in Demut der Augenblicksraumkunst Musiktheater verfallen und dabei ganz unprätenziös, ganz: Ausdruck. Regie und Bühne jedenfalls, die so unerhört musikalisch sind und so politisch und so durchlässig für die Jetztzeit, dass sie nichts anderes als die Essenz des wahren, des richtigen Lebens bieten, sie können sich auf ihre Stars verlassen. Am Ende segeln Blumenbouquets hoch durch die Lüfte, und liegen alle Herzen blank. Die Oper – kein Traum. Genau so sieht es aus, das perfekte Glück. Ist doch ganz einfach. Oder? Christine Lemke-Matwey

Postpostmoderne

Die Figur des Menschen ist explodiert, und nicht nur die Figur. Schon die Erfindung der Fotografie hat die Malerei in die Abstraktion getrieben. Kunst, sagt Paul Klee, gibt nicht das Sichtbare wieder, Kunst macht sichtbar. Aber was sehen wir noch: nach allen Fragmenten, Formeln, Farbenspielen, bis hin zur Monochromie. Alles weiß. Alles schwarz. Und gar kein Bild mehr. Allerdings ist der Traum vom Menschenbild nie verloren gegangen, nicht in der Literatur, nicht in der Kunst. Picasso macht auch Tizian sichtbar und Bacon Velázquez (wie Beckett Shakespeare), auch Stummelwesen sind manchmal verdichtete Menschen, Götter, Geister. In der Literatur reden sie alle von dem großen Roman (Dostojewski plus Rushdie, Flaubert plus Marquez), und in der flimmernden Kunst stehen wir vor der Wiederkehr des Tafelbildes. Aber das kostet manchen Kopf. Denn wir haben vom Baum der Erkenntnis gegessen, und kauen noch immer dran. Bis wir, einmal um die Welt des Wissens und der Reflexion gegangen, in den Grad der zweiten Grazie gelangen: anklopfend an der Hintertür zum Paradies, wie Kleist im Essay „Über das Marionettentheater“ schreibt. Und schnell fällt die Tür wieder zu. Peter von Becker

Pianissimo

Das Geheimnis der Popmusik: dass sie selten mehr sagen will, als sie ausdrücken kann. Hass klingt laut und spitz, Liebe seicht und verzeihend, und Husten klingt wie Husten. Obwohl Popsänger selten husten. Höchstens wird mal theatralisch gestöhnt, weil es um Sex geht, oder hysterisch gelacht, weil das viele Geld den Popstar ganz irre macht. Das lässt Popmusik zu einer ziemlich berechenbaren Sache werden. Der Trick ist, dass es plötzlich nicht mehr alt wirkt und alle von einer Musik begeistert sind, die sie längst kennen, aber erst jetzt richtig verstehen.

In Popsongs wird selten geschwiegen. Und wenn doch, wie in „Sounds of Silence“ von Simon & Garfunkel, dann wird Stille als Bedrohung empfunden – ein „Krebsgeschwür“, das die Menschen in namenlose Schattenwesen verwandelt, so dass man umso lauter dagegen ansingen muss. Für die Popkultur besteht das Leben aus Paukenschlägen. Tu, was dir gefällt und lass’ es krachen, lautet die Devise. Dabei besteht selbst die Welt des Paukenspielers nie aus permanentem Gerummse. Er ist den meisten von uns sehr ähnlich: ein Künstler der Stille, der die Zeit zwischen den Einsätzen mit der Würde des Nichtspielens füllt. Wie großartig wäre es, einen Popsong zu hören, der genau das macht. Ich weiß nicht, wie er klingt. Aber darum geht es ja. Kai Müller

Filmfest

Die Kamera senkt sich aus den Weiten des Weltraums auf, sagen wir, Afrika. Zoomt sich hinab in zahllose Länder, von Aids und Hunger erlöst, und der genesende Kontinent strahlt. Schwenkt in den Nahen Osten, zeigt den prosperierenden Staat Palästina, den neuen guten Nachbarn Israels. Erfasst Irak, freundlicher Partner aller Staaten, seit Saddam als Botschafter in Sri Lanka residiert. Und überfliegt die arabischen Meere, auf denen Flugzeugträger überflüssig sind. Was die Kamera in den Blick nimmt, ist gut. Oder wird es gut, weil sie es in den Blick nimmt? Al Qaida: aufgelöst. Putins Russland setzt auf Pressefreiheit. In China werden alle politischen Gefangenen freigelassen. Nordkoreas Diktator stirbt im Schlaf. Australiens Ozonloch schließt sich, der Regenwald wächst, und aus den Ozeanen verschwindet das Öl gesunkener Tanker. Der amerikanische Präsident schafft die Berufsarmee ab, und Fidel Castro wird prominentester Rentner in Miami. CIA und Mossad feiern Ehemaligentreffen in Malibu. Und das alte Europa ist jung wie nie zuvor. Die Kamera, die Weltumfliegerin, sieht alles. Drehzeit des Films: 365 Tage. Kinostart: fortlaufend. Titel: „2003 – erstes Jahr des Friedens“. Genre: Science Fiction, was sonst. Jan Schulz-Ojala

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