Kultur : Als der Himmel sich öffnete

„Geschichten auf Gold“: Die Berliner Gemäldegalerie präsentiert ihre italienischen Schätze neu

Nicola Kuhn

Das sind die Geschichten, die wir alle brauchen, wenn es kalt und nass draußen wird, eben November: „Geschichten auf Gold“. Tatsächlich geht ein Glanz, ein Leuchten von dieser Ausstellung aus, mit der das Kulturforum, ein Ort, ähnlich unwirtlich wie die Jahreszeit, auf sich aufmerksam machen will. Frühe italienische Malerei soll die Attraktion sein, ein eher stiller Abschnitt der Kunstgeschichte. Mit ihrer Jubiläumsausstellung zum 175-jährigen Bestehen der Sammlung bietet die Berliner Gemäldegalerie ein ebenso Herz erwärmendes wie intellektuelles Erlebnis. Denn hier kreuzt sich neueste Forschung mit anschaulicher Darstellung, steigert eine raffinierte Ausstellungsdramaturgie die Augenlust und den erzählerischen Reiz der exzellenten Stücke.

Die biblische Geschichte vom „Seewandel“ des heiligen Petrus ist bekannt, ein traditionelles Sujet der abendländischen Malerei. Jesus geht auf dem Wasser dem in Seenot geratenen Schiff der Jünger entgegen und ruft Petrus zu sich. Auf halbem Wege bekommt dieser es mit der Angst zu tun, er versinkt. Und doch versucht Lorenzo Veneziano etwas Neues, als er 1370 die Szene malt, in der Jesus den Ertrinkenden aus dem Wasser zieht und ihn wegen seiner Kleingläubigkeit rügt. Er bringt Leben in die Geschichte, die trotz ihrer hohen Dramatik bislang statisch erschienen war. Bei ihm blähen sich die Bootssegel im Sturm, die Takelage hängt gefährlich über der Reling, die Wellen drehen sich zu gewaltigen Wirbeln auf. Am Rande des Geschehens aber sitzt scheinbar unberührt ein Fischer mit seiner Angelschnur, neben ihm ein geflochtener Korb für den Fang und das akkurat mit einem Tau am Pflock befestigte Boot.

Der venezianische Künstler, in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts noch ganz in der Tradition der byzantinischen Malerei, hat sich hier etwas getraut: einen göttlichen Vorgang plötzlich in die Nähe des Alltäglichen gerückt, das biblische Wunder mit realen Details ausgeschmückt. Dazu muss man allerdings wissen, dass die „Navicella“ (Schiffchen) genannte Szene nur wenige Zentimeter misst. Der Künstler hat sich an einem Nebenschauplatz ausprobiert, nicht im Zentrum auf der Haupttafel des Altars, sondern in der Sockelzone, der Predella. Darüber verharrten die Heiligen unverändert statuarisch in Frontalansicht; der Gesamteindruck der Retabel blieb konservativ. Zu deren Füßen aber, wo die Heiligenlegende spielt, experimentierten die Künstler, erlaubten sie sich Ausblicke in die reale Lebenswelt und operierten mit den Mitteln der Perspektive, die sich bei der Darstellung der großen Gnadenspender noch verbat.

Darin besteht auch der schönste Widerspruch der Berliner „Geschichten auf Gold“. Die Ausstellung erzählt zwar von der Anwendung des edlen Materials als kostbarer Grund für die Malerei, aber vor allem von seinem zunehmenden Verschwinden. Denn je moderner die Bilder wurden, je näher sie dem Zeitalter der Renaissance rückten, desto weniger arbeiteten die Künstler mit Gold. Wo sich vorher die Szenen plan vor dem glänzenden Untergrund abspielten, blitzt nun ein blauer Horizont auf, öffnen sich Fenster hin zu einem Wald oder wird der Blick des Betrachters in ein reich besiedeltes Tal gezogen wie beim Bilderzyklus Fra Angelicos zum Leben des heiligen Franz. Gold kommt nur noch punktuell zum Einsatz, etwa bei der glänzenden Rüstung eines Ritters, der Marienkrone oder anderem Schmuck und natürlich den Heiligenscheinen, die etwa Giovanni di Paolo bei seinen Protagonisten noch kostbar punziert.

Die Berliner Gemäldegalerie kann hier aus dem Vollen schöpfen, seit dem Ankauf der Sammlung Solly 1821 zweihundert Jahre frühitalienische Kunst- und Kulturgeschichte regelrecht aus dem Ärmel schütteln. Die Berliner Sammlung gilt heute als eine der wichtigsten außerhalb Italiens. Zu ihren Glanzstücken aber zählen Werke des toskanischen Malers Ugolino di Nerio, ein Schüler des berühmten Duccio di Buoninsegna. Als Meisterstück schuf er um 1325 den Hauptaltar der Franziskanerkirche Santa Croce in Florenz. Allein in Berliner Besitz befinden sich davon drei Heiligenfiguren, drei Giebeltafeln sowie zwei Szenen der Predella. Für die „Geschichten aus Gold“ gelang es Kurator Stefan Weppelmann, aus Museen in den USA und England 27 weitere Stücke zusammenzuholen, um 200 Jahre nach Zerschlagung des 4,5 mal 5 Meter großen Altars und Verkauf der Einzelstücke in alle Welt dieses Hauptwerk der frühitalienischen Kunst zu rekonstruieren. Ein Coup, den die Ausstellungsarchitektur entsprechend zelebriert. Die gewaltige Retabel erhebt sich im Zentrum des Ausstellungsraums, der dem kreuzförmigen Grundriss einer Kirche nachempfunden ist. Der Saal ist in tiefes, samtiges Dunkel getaucht, an den Seiten öffnen sich hell ausgestrahlt die Nischen mit den verschiedenen Predellen von Fra Angelico bis Ghirlandaio, die aus sich selber zu leuchten scheinen. Der Glanz, die Pracht lassen schnell vergessen, dass zwar die Bilder der Sockelzone vollständig erhalten und erstaunlich viele Figuren im Giebelbereich vorhanden sind, doch die Madonna mit Kind im Zentrum fehlt, manch andere Position besteht nur als braune Täfelung.

In den Hintergrund mag bei dieser auratischen Präsentation auch geraten, was die Wissenschaftler vibrieren lässt. Aus Anlass der Ausstellung ließ die Gemäldegalerie eine Computeranimation auf der Grundlage einer bislang in der Forschung umstrittenen Zeichnung produzieren. Sie zeigt den großen Altar ein letztes Mal vor seiner Zerstörung. Bislang stieß man sich an der Achsverschiebung zwischen Predellenszenen und Hauptregister und zweifelte die Relevanz der Zeichnung an. Ein optisches Phänomen, wie die Computeranimation nun erweist, die das Altarwerk von nah und fern in seiner einstmaligen Aufstellung in Santa Croce umfährt. Der Gegenwart bleibt nur ein Abglanz der einstigen Pracht, doch der leuchtet auch 700 Jahre später noch.

Geschichten auf Gold lassen sich immer erzählen.

Sonderausstellungshalle, Kulturforum, bis 26. Februar; Katalog (DuMont Verlag) 29,90 €.

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