Kultur : Als der Kaiser noch König war In New York ist das älteste Berliner Foto aufgetaucht

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Von Stephanie Nannen

Ein Sonntagmorgen in Berlin. Die Stadt ist gerade erwacht, ihre Bürger noch nicht. Die Sonne müht sich, den Platz vor dem Stadtschloss in ein herrschaftlich sonntägliches Licht zu tauchen. Ein friedlicher Tag hat begonnen. Berlin ist königliche Residenz, Kapitale Preußens. Die hektischen Aufbruchjahre der Kaiserzeit liegen noch in weiter Ferne. So oder ähnlich muss es gewesen sein, als Louise Sachse im Herbst des Jahres 1853 durch die Innenstadt flanierte, auf der Suche nach Motiven für seine Fotos. Weil die Aufnahmen mit der schwerfälligen Technik immens viel Zeit kosteten, könnte Sachse an diesem Tag auch nur ein einziges Bild gemacht haben: Schinkels Schlossbrücke.

Fast 150 Jahre später ist jetzt eine Fotografie aufgetaucht, die diese Szene zeigt. Wenn die Datierung stimmt, ist sie das älteste bekannte und erhaltene Abbild Berlins. Der Berliner Galerist Hendrik Berinson hat es bei einer Auktion in New York entdeckt und sogleich zugeschlagen. „Nur einige Hundert Euro“ habe dieser bis dato verschollene Schatz gekostet, und niemandem sei der eigentliche Wert aufgefallen, sagt Berinson.

Bisher galt eine Ansicht, die Leopold Ahrendt 1855 von der Waisenbrücke aufgenommen hatte, als die erste Berliner Stadtfotografie auf Papier. Es spricht vieles dafür, dass Louise Sachses Bild älter ist. Sachses Motivwahl ermöglicht eine recht präzise Datierung. Der Blick des Fotografen richtete sich zwischen den vor dem Schloss platzierten Skulpturen der beiden Rossebändiger zur noch im Bau befindlichen Schlossbrücke und auf die Straße Unter den Linden. Zwei der insgesamt acht Figurengruppen, die auf Sockel gehoben, die Brücke säumen, fehlen noch. Die ersten sechs Skulpturen standen Ende Oktober 1853, die siebte kam erst im Oktober 1854 dazu. Zudem hat Sachse, der nicht nur Fotograf, sondern vor allem Unternehmer, Verleger und ein Gründervater des Berliner Kunsthandels war, einen Stempel mit Jahreszahl auf die Vorderseite des Bildes – ein lichtempfindlicher Salzpapierabzug – geprägt. Sachse gilt als Pionier des Daguerreotypie-Verfahrens. Er hatte den Franzosen Louis Daguerre persönlich getroffen und sich die seltsamen Belichtungsapparate aus Paris schicken lassen. Die erste Lieferung ging allerdings auf dem Weg nach Berlin kaputt. Erst die folgende Sendung erreichte ihr Ziel. In der Zwischenzeit hatte sich der Optiker Dörffel um die neuartige Technik bemüht, so dass Sachse erst der zweite Berliner war, der damit fotografierte.

„Um so wichtiger ist in diesem Zusammenhang die nun gemachte Entdeckung der Papieraufnahme“, sagt Franziska Schmidt von der Galerie Berinson (Auguststraße). Wie und wann das älteste Berliner Foto nach New York gelangt ist, ist bisher nicht nachzuvollziehen. Sachses gesamter Besitz, mitsamt seinen Kunstschätzen und Archiven ging 1872 in die Konkursmasse seines Verlages ein, als er ihn durch eine wirtschaftlichen Krise verlor. Alles wurde verkauft.

„Man könnte spekulieren“, sagt Franziska Schmidt, „vielleicht hat dieser Verkauf das Bild vor der Vernichtung in späteren Kriegen bewahrt.“ Jetzt ist es wieder hier, und Hendrik Berinson würde es am liebsten an ein Museum verkaufen. Das Dresdner Kupferstichkabinett besitzt ebenfalls drei Werke von Louise Sachse. Sie zeigen Skulpturen von Schadow und sind keine Papierabzüge. Für eine Anschaffung des Berliner Bildes fehlt dem Dresdner Museum das Geld. Und sollte Sachses Kunstwerk, das gleichzeitig ein wichtiges Dokument Berliner Stadtgeschichte ist, nicht hier verbleiben? Vielleicht findet sich ja eine freie Wand im Saal des noch zu bauenden neuen alten Stadtschlosses.

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