Kultur : Als Deutschland brannte

War Churchill ein Kriegsverbrecher? Ein Buch über den alliierten Luftkrieg provoziert Widerspruch in England

Christian Böhme,Kai Müller

Von Christian Böhme

und Kai Müller

Die Briten haben am Sonntag die Wahl. Allerdings geht es nicht um das politische Schicksal von Tony Blair oder den Fortbestand der Monarchie. Abgestimmt wird diesmal über etwas viel Wichtigeres: Wer war der größte, der bedeutendste Engländer, rätselt seit Wochen die BBC und hat eine Meinungsumfrage initiiert. Am Sonntag ist die Endrunde. Unter den Top Ten sind derzeit John Lennon, Prinzessin Diana, William Shakespeare, Isaac Newton und Oliver Cromwell. Jeder von ihnen wurde in einer eigenen Sendung porträtiert, eine Entscheidungshilfe in diesem Historiker-Streit.

Als gestern Kriegsheld Winston Churchill vorgestellt wurde – auch einer aus den Top Ten –, konnte die BBC noch einmal der dramatischen Abwehrschlacht des Zweiten Weltkriegs gedenken, in der England die deutschen Bombergeschwader zurückdrängte und den Luftkrieg ins Land seiner Verursacher zurücktrug. Es ist für die englischen Gemüter noch immer eine bewegende Geschichte, und sie ist mit der Unbeugsamkeit des „Löwen“ Churchill bis heute verbunden. Ob der einstige Premier deshalb aber zur bedeutendsten historischen Figur gekürt wird, ist zweifelhaft. Womöglich wird sogar ein Deutscher über Aufstieg oder Fall des britischen Kriegsarchitekten indirekt mitentscheiden.

Jörg Friedrich heißt er, ist Historiker und hat ein Buch geschrieben, das – obwohl erst seit wenigen Tagen erhältlich – zumindest in Englands Medienöffentlichkeit einiges Aufsehen verursacht. „Der Brand“, eine Sammlung von Tatsachen, wie Friedrich sein Werk nennt, beschreibt in allen grausamen Einzelheiten den alliierten Bombenkrieg gegen Deutschland zwischen 1940 und 1945 (Propyläen Verlag, München 2002. 592 Seiten, 25 Euro). Doch interpretiert Friedrich nicht nur trockene Zahlenkolonnen, die das Ausmaß der Zerstörung ins Abstrakte wenden. Er webt Augenzeugenberichte in seine Studie ein und hebt jene Traumaarbeit auf ein wissenschaftliches Niveau, die der vor einem Jahr verunglückte deutsche Schriftsteller W.G. Sebald in seinen Zürcher Vorlesungen zum Thema „Literatur und Luftkrieg“ (Hanser) noch vergeblich angemahnt hatte.

Das Grauen der Bombennächte hatte Methode, doch deren analytische Logik freizulegen, berührt nationale Befindlichkeiten. Seit Tagen bestürmen britische Zeitungen und Fernsehsender den Berliner Geschichtswissenschaftler mit Interviewwünschen. Fast immer lautet die erste Frage: War Churchill ein Kriegsverbrecher? Eine verständliche Frage, findet der Historiker. Denn sein Buch handelt von planmäßigen, durch das Kriegskabinett abgesegneten Massakern an deutschen Zivilisten. Dennoch fühlt sich Friedrich nicht befugt, eine Antwort auf die heikle Frage nach den alliierten Kriegsverbrechen zu geben. Seine Meinung verbirgt das detailreiche „Fakten“-Werk, das die Strategie des moral bombing, des moralischen Bombardements, in all seinen Stadien nachzeichnet.

Dazu gehören für ihn auch Churchills Äußerungen. Der habe nach den Erfahrungen von Coventry und London einen „absolut vernichtenden Ausrottungsangriff (exterminating attack)“ auf deutsche Städte angekündigt und damit einen Paradigmenwechsel wenn nicht eingeleitet, so zumindest forciert: Der bis dahin gewohnheitsrechtliche Grundsatz, zivile Ziele seien im Krieg zu schonen, galt nicht mehr. Wer Wind sät, wird Sturm ernten: Diesen Satz hielt ein sichtlich aufgebrachter Churchill-Enkel dem deutschen Forscher am Mittwoch empört entgegen. Nicht nur, um die Haltung des berühmten Großvaters mit dem Hinweis auf die deutschen Verursacher zu rechtfertigen.

So werfen derzeit auch britische Historiker dem deutschen Kollegen vor, er wolle die Geschichte mit Macht umschreiben. Dabei hat Friedrich keineswegs neue Tatsachen entdeckt, sondern den gegenwärtigen Forschungsstand bloß eindrucksvoll zusammengefasst. Er will klar machen, dass es Leid auch auf deutscher Seite gegeben hat. „Anstößig ist in England nicht so sehr, dass Churchill und sein Kriegskabinett anordneten, zivile Ziele zu bombardieren, sondern dass der Aggressor auch ein verwundetes Opfer sein konnte.“ Doch passe dieses Bild des unschuldig leidenden Deutschen nicht zu dem in Heldenmythen konservierten Feindbild, das man sich gemeinhin vom Nazi-Regime macht, vermutet Friedrich.

Schon einmal, Anfang der Neunzigerjahre entbrannte eine heftige Diskussion um das historische Erbe des Air Force-Generals Arthur Harris, der den „Brandangriff“ zur zentralen Strategie des Luftkriegs entwickelt hatte. Die Enthüllung eines Ehrenmals für „Bomber-Harris“, der unter anderem die Zerstörung von Dresden angeordnet hatte, ließ empörte Gegner und uneingeschränkte Befürworter aufeinander treffen. Doch die Zuspitzung der Debatte auf die Rolle des Chefs des Bombenkommandos sei irreführend, meint Friedrich: „Harris war der Henker. Aber die Richter saßen im Kriegskabinett.“ Und die waren sich der moralischen Fragwürdigkeit ihres Tuns durchaus bewusst: „Sind wir Bestien, gehen wir zu weit?“, soll Churchill einmal gefragt haben. Hitler hat sich das nie gefragt.

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