Kultur : Als die Bäume laufen lernten

Marbaden gehen im Märchensalat: Terry Gilliams Fantasy-Spektakel „Brothers Grimm“

Sebastian Handke

In Hollywood regiert die Schwerkraft. Je mehr Gewicht dort auf Ausstattung und Bildeffekten lastet, desto größer ist in der Regel die Leere, mit der dieses Gewicht auf der Inhaltsseite ausgeglichen werden muss. Nur der ehemalige Monty-Pythonier Terry Gilliam bot dieser Blockbuster-Physik bisher die Stirn. Bei aller Opulenz und Fantastik, mit der er in „Brazil“, „Twelve Monkeys“ oder „Baron Münchhausen“ zu überwältigen verstand, war Gilliam niemals nur Ausstatter, sondern immer auch Geschichtenerzähler. Manchmal machen seine Filme das Geschichtenerzählen sogar selbst zum Thema. Ein Film-Capriccio über die Märchensammler Grimm schien also der ideale Stoff sein, um Gilliams Erfindungswut nach langer Pause neu zu entzünden.

Will und Jake Grimm (Matt Damon und Heath Ledger), so lernen wir, waren keineswegs noble Gelehrte, sondern gerissene Trickbetrüger, die das abergläubische deutsche Volk von Verwünschungen befreien, die es gar nicht gibt. Für hohen Lohn, versteht sich. Deutschland ist derweil von den Franzosen besetzt, die den deutschen Barbaren den Rationalismus einprügeln wollen. Das Treiben der Brüder will man daher nicht länger dulden und verbannt die beiden in das entlegene Dorf Marbaden. Dorthin ziehen die beiden Hochstapler also aus – und lernen das Fürchten. Denn der Wald ist tatsächlich verflucht.

Sieben Jahre mussten Fans auf ein neues Werk von Terry Gilliam warten. In dieser Zeit ist sein ehrgeiziges Don-Quixote-Projekt krachend gescheitert – der exzentrische Geldvernichter gerät regelmäßig in Konflikt mit seinen Produzenten. „Brothers Grimm“ hat es zwar ins Kino geschafft, leidet allerdings sehr unter den massiven Einmischungen der Gebrüder Weinstein von Miramax. Bob Weinstein wechselte Gilliams vertrauten Kameramann gegen einen Hollywood-Konfektionisten aus. Samantha Morton, erste Wahl für die weibliche Hauptrolle, wurde ausgeladen, weil ihre Oberarme zu dick waren. Und Matt Damon durfte keine Nasenprothese tragen.

Dennoch kann Gilliam seine Bildfantasie kaum zügeln, und er erfindet erneut ein eigenes Genre: die Horror-Burleske. In dichtem Gehölz schlägt sich das „Team Grimm“ durch widerborstige Flora und mutierende Fauna, und sie machen dabei verstörende Erfahrungen. Folter durch Schneckenauflegen, ein kindverschlingender Schlammgolem, ein Netze spuckendes Pferd, gehäutete Kaninchen sowie eine verrottende Prinzessin mit sehr langen Fingernägeln (Monica Bellucci). Gilliam hat ein Faible für quer durchs Kulturerbe laufende Motivverwandtschaften. In diesem Märchensalat allerdings reduzieren sich die Motive auf reine Bildzitate.

Das Übel des Films ist das mechanische Drehbuch von Ehren Kruger („The Ring“). Gilliam erzählt seine Film-Revuen normalerweise in loser Reihenfolge, in einer Kette von stolzen, dramaturgie-vergessenen Bühnenauftritten. Hier dominiert von Anfang an Hollywoods dreiaktige Finalstruktur, die keine Umwege kennt. Gilliam und sein eigentlicher Autor Tony Grisoni haben zwar noch ausgiebig daran herumgewerkelt, doch das Chaos wirkt am Ende nicht organisch, sondern zusammengehauen. Darin liege wohl die Zukunft des Filmemachens, sagte Gilliam in einem Interview – statt eines Drehbuchs nur noch Schnittmuster. Im Abspann tauchen er und Grisoni ganz folgerichtig nicht als Autoren auf, sondern als „dress pattern makers“.

„Brothers Grimm“ wirkt so, als hätte sein Regisseur nach den Erfahrungen mit „Don Quixote“ an einem Punkt beschlossen, den Widerstand aufzugeben. Im Grunde aber teilt der Grimm-Film trotzdem dessen Schicksal: Er ist nie entstanden. Was wir stattdessen haben ist ein selbsttätig blätterndes Coffeetable-Book mit Motiven eines möglichen Gilliam-Films. Weil ihr eine Geschichte abgeht, flockt die Bilderflut aus in eine stotternde Reihe unverbundener Einzelaufnahmen. Dazwischen sieht man zwei hektische Menschen in einer schlammigen Lichtung und einen einsam aufrecht stehenden Turm ohne Tür. Sie rennen gegen ihn an und um ihn herum. Das ist alles.

Es sieht allerdings wirklich toll aus.

In 18 Berliner Kinos; OV im Cinemaxx Potsdamer Platz undCinestar SonyCenter

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