Kultur : Als die Bilder Farbe bekannten

Endlich koloriert: Das Berliner Bauhaus-Archiv zeigt unbekannte Arbeiten von László Moholy-Nagy

Bernhard Schulz

Als László Moholy-Nagy in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts seine berühmten Schwarz-Weiß-Fotografien fertigte, war die Fotografie bereits 90 Jahre alt. Allein, es fehlte ihr, allen zwischenzeitlichen Verfahren zum Trotz, immer noch die Farbe. „Wie vor vierzig Jahren kämpft die Farbfotografie auch heute noch mit den Schwierigkeiten einer in jeder Hinsicht befriedigenden farbigen Wiedergabe der Natur“, klagte er 1936. Das erstaunt bei einem Künstlergestalter, der mit seinen Schwarz-Weiß-Aufnahmen bereits das wichtigste Novum einer künstlerischen Fotografie zur Meisterschaft gebracht hatte, nämlich die Veränderung der Wahrnehmung. Sollte es ihm nur um die „in jeder Hinsicht befriedigende“ Wiedergabe der Natur gehen?

Als dann ab Mitte der dreißiger Jahre mit dem Kodachrome-Verfahren das erste simpel zu handhabende und zugleich farbkorrekte Verfahren bereitstand, war Moholy einer der Ersten, der dessen Möglichkeiten auslotete. Und meist ging es ihm tatsächlich um die „Wiedergabe der Natur“, dessen, was er ringsum sah. So ist die Ausstellung, die das Bauhaus-Archiv unter dem Titel „Color in Transparency“ den Farbaufnahmen – fast ausnahmslos Dias – Moholys widmet, eine doppelte Sensation. Zeigt sie doch zum einen die bislang nahezu vollständig unbekannten Farbarbeiten des Künstlers wie zugleich deren überwiegend abbildenden, geradezu amateurhaft-aufzeichnenden Charakter.

55 Farbdias aus einem Bestand von rund 200, den Moholys Tochter Hatulla hütet, hat die Gastkuratorin Jeannine Fiedler ausgewählt. Sie wurden, dem Charakter als Dia – Papierabzüge waren seinerzeit aufwändig und teuer – entsprechend, vergrößert und werden in hinterleuchteten Glaskästen gezeigt – eine still gestellte, gleichwohl ungemein intensive Diaschau. Geordnet ist sie nach thematischen Vorgaben: Da sind die Familienbilder, darunter die ersten Bilder aus dem amerikanischen Exil des mehrfach zum Exil gezwungenen gebürtigen Ungarn; dann die Porträts und Personenbilder in oft lakonischer Beiläufigkeit. Schließlich gibt es eine Wand mit Aufnahmen aus den Werkstätten des von Moholy in Chicago unter unendlichen Mühen aufgebauten „Institute of Design“, die den Studienarbeiten eine geradezu anrührende Handwerklichkeit bescheinigen. Mit solchen Dias ging Moholy, wohl ein begnadeter Redner, auf Vortragsreisen für sein Institut, dem in Kriegszeiten die Studenten auszugehen drohten. In nur wenigen Fällen, wie in der „Studie mit Stecknadeln und Schleifen“, schuf Moholy eigene Arrangements, um deren Farbwirkung zu erproben.

Am aufregendsten aber ist die Wand mit den experimentellen Fotografien, mit der „Malerei mit Licht“, als die Moholy seine früheren Experimente als Lehrer am Dessauer Bauhaus stets verstanden hatte. Eines Nachts beispielsweise kam Moholy spät und erschöpft nach Hause. Er hatte auf einer der damals schon reichlich belebten Chicagoer Straßen Langzeitbelichtungen vorgenommen, die die Lichter der Autos und der Reklamen zu abstrakten, ungemein intensiven Farbmustern verschwimmen ließen. Diese Aufnahmen sind von einer Modernität, die nur umso stärker fragen lässt, welche Entwicklungen Moholy noch hätte vorwegnehmen können, wäre er nicht bereits 1946, gerade einmal 51 Jahre alt, an Leukämie verstorben.

Die Ausstellung begleitet ein hervorragender Katalog, der neben den 55 im Museum gezeigten Arbeiten weitere 45 abbildet. Und selbst im gedruckten Medium teilt sich das enorme Gespür für Komposition und Farbwirkungen mit, das Moholys Auge auszeichnete. Er besaß das Auge einer Kamera, das weit über die bloße „Wiedergabe der Natur“ hinausreichte – einer künstlerischen Kamera der Zukunft.

Bauhaus-Archiv, Klingelhöferstr. 14, bis 4. September. Katalog im Steidl Verlag, 208 S., 19,50 €, im Buchhandel 49 €.

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