Kultur : Als die Bilder liegen lernten

Projekt Aufklärung: Die Berlinerin Annette Miersch untersucht den deutschen Sexfilm der Siebzigerjahre

Bodo Mrozek

Für Annette Miersch begannen die Siebzigerjahre 1990. Als die Ostdeutsche kurz nach der Wende ihren Fernseher einschaltete, machte sie eine erstaunliche Entdeckung. Augenscheinlich war sie in einem längst vergangenen Jahrzehnt gelandet. „Da fegten offenbar gehirnamputierte, triebgesteuerte Frauen und Männer halb oder ganz nackt über den Bildschirm und übten sich im sexuellen Vollzug.“ Die Mädels trugen, sofern sie überhaupt bekleidet waren, Dirndl, die Männer oftmals verkehrsfreundliche Lederhosen. Höhepunkt der Streifen mit Titeln wie „Auf ins blau karierte Himmelbett“ oder „Wer einmal in das Posthorn stößt“ war zweifellos die dreizehnzehnteilige Reihe mit dem Titel „Schulmädchenreport“. Trotz der Lächerlichkeit der Filme blieb Miersch das Lachen im Halse stecken. „Was brachte die Menschen im Westen dazu, Sexualität auf diese Weise in Szene zu setzen?“

Fortan ließ sie das Thema nicht mehr los. Als Studentin machte sie eine weitere erstaunliche Entdeckung: Obwohl die Sexfilmwelle zu den größten kommerziellen Erfolgen des Nachkriegskinos gehörte, war sie für die Filmwissenschaft weitgehend eine terra incognita. Offenbar war man sich darüber einig, dass Sexfilme allenfalls unter dem Label Trash als Modeerscheinung für erklärte Gegner des guten Geschmacks taugten. Diesen „Un-Gegenstand“ machte Annette Miersch zum Gegenstand ihrer Diplomarbeit. Mit der überarbeiteten Fassung, die nun im Berliner Bertz-Verlag erschienen ist, hat sie nichts weniger als ein Standardwerk vorgelegt – eine Sittengeschichte bundesdeutscher Leinwände. Ausgehend von der These des französischen Kulturphilosophen Michel Foucault, Sexualität sei eine Form des Wissens-Diskurses, kommt selbst ästhetisch so fragwürdigen Werken wie „Vulkan der höllischen Triebe“ noch fundamentale Bedeutung zu.

Zwar ist die Geschichte des Sexfilms genauso alt wie die des Mediums selbst. Der erste Aufklärungsfilm, Richard Oswalds „Es werde Licht“, stammt bereits von 1917. Doch die öffentliche Vorführung nackter Tatsachen in westdeutschen Kinos begann erst in den Sechzigerjahren. Der Nationalsozialismus hatte mit seiner kraftstrotzdenden fortpflanzungsorientierten Erotik aufklärerische Ansätze aus der Weimarer Republik etwa eines Wilhelm Reich oder Magnus Hirschfeld unterdrückt. Erst vor diesem Hintergrund wird das Aufsehen verständlich, das der nackte Rücken von Hildegard Knef in Willie Forsters Spielfilm „Die Sünderin“ von 1951 erregte. Damals gab es tumultartige Szenen, die Aufführungen wurden mit Stinkbomben und Flugblättern gestört.

Ähnliche Empörung verursachte 1963 Ingmar Bergmans einminütige Beischlafszene in „Das Schweigen“. Erst der Journalist Oswald Kolle, der als Kolumnist und „Sexpapst“ der „Neuen Revue“ bekannt geworden war, knüpfte mit dem Aufklärungsfilm „Helga“ (1967) direkt an sexualpolitische Bestrebungen der Weimarer Republik an. Seine Filme wurden vom Bundesgesundheitsministerium und von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gefördert. Obwohl Kolle mit seinen „keimfreien Turnübungen in der Horizontalen“ eher Ehe- und Schwangerschaftsberatung als Sexualkunde betrieb, waren die „Helga“-Filme ein Kassenschlager. Der ungeahnte Erfolg rief Nachahmer auf den Plan, allen voran Wolf C. Hartwig.

Der Produzent des „Schulmädchenreports“ übertraf noch den Erfolg von Helga. Formal gaben die billig produzierten Streifen vor, Aufklärung zu betreiben. Tatsächlich aber waren die von Laiendarstellerinnen vorggeführten angeblichen Fallbeispiele hanebüchene Erfindungen für ein sensationslüsteres Publikum. Allein die erste, 220000 Mark billige Produktion erreichte sechs Millionen Zuschauer – ein erstaunlicher Erfolg. Hartwig, der auch Nachkriegs-Erfolge wie „Steiner – Das eiserne Kreuz“ produzierte, orientierte sich am US-amerikanischen halbdokumentarischen Stil. Zwischen die Episoden, die ein Sprecher aus dem Off mit sonorer Nachrichtenstimme kommentierte, schnitt Hartwig Interviews, die er anfangs noch mit fotogenen Passantinnen auf den Straßen Berlins führte. Später bezahlte er dafür Laiendarstellerinnen, die er nach eigenen Angaben aus dem schlecht bezahlten weiblichen Verkaufspersonal des Berliner KaDeWe rekrutierte.

Schlüssel zum Millionenerfolg war vermutlich dieser quasi-dokumentarische Charakter der Filme. Hartwig senkte die Schamgrenze der Kinobesucher, die sich einreden konnten, einen seriösen Aufklärungsfilm zu besuchen. Dies unterstrichen Untertitel wie „Was Eltern nicht für möglich halten“ oder „Was Eltern wirklich wissen sollten“. Zeitzeugenberichten zufolge bestand das Publikum nicht nur aus den in Fachkreisen als raincoat people genannten Herren mit Hut und hochgestelltem Kragen. Mit der ausrollenden Sexwelle der Siebzigerjahre kamen zunehmend Paare und jüngere Besucher. Produzent Wolf C. Hartwig ist heute noch stolz auf seine Filme: „Gucken Sie auf mein Bankkonto“, sagt er unter der treffenden Überschrift „Vorspiel“ im Interview, das Mierschs Buch einleitet. Schauspieler wie Sascha Hehn, Heiner Lauterbach oder Ingrid Steeger hatten in Schulmädchenreport ihre Laufbahn begonnen.

Während der Siebzigerjahre explodierte das Sexfilmgeschäft. Laut dem ehemaligen Lastwagenfahrer und Produzenten Alois Brummer, der die neun Bahnhofskinos mit Streifen wie „Graf Porno und seine Mädchen“ versorgte, verlangte das Publikum vor allem eins: „volkstümlichen, naiven Sex“. Mehr als die Hälfte der 1970 angelaufenen 79 bundesdeutschen Spielfilme spielte eindeutig im horizontalen Bereich. Da das „Immergleiche“ (Adorno) Variationen erforderte, entwickelten sich erstaunliche SubGenres. So knüpft der Lederhosenfilm („Es jodelt unterm Dirndl“) an die volkstümliche Erzählweise des Bauerntheaters an.

Das Ende der Schulmädchenreport–Ära fällt mit der Geburt des Videos zusammen. Ein Comeback jenseits der Kirch-Archive feierte zeitweilig die wiederentdeckte Filmmusik von Gert Wilden, die beim Berliner Label „Crippled Dick Hot Wax“ neu erschien und auch als Re-Mix gefeiert wurde.

Nach der Auswertung von rund 300 Sexfilmen, über deren bevorzugte Praktiken, Stellungen und Szenarien mehrere akribische Tabellen im Anhang von Annette Mierschs Buch Auskunft geben, kommt die mittlerweile als Rundfunkredakteurin tätige Wissenschaftlerin zu einem ambivalenten Urteil: Einerseits imaginierten fast alle Filme junge Frauen als sexbesessene und allzeit bereite Verführerinnen, die es vor allem auf ältere Männer abgesehen haben. Dem strengen Verdikt westdeutscher Feministinnen im Zuge der „Por-NO“-Kampagne will Annette Miersch aber dennoch nicht folgen. Für sie ist auch die Sexfilmwelle letztlich ein Symptom für den Erfolg des Projekts namens Aufklärung. Wenn auch ein kurioses.

Annette Miersch: Schulmädchen-Report. Der deutsche Sexfilm der 70er Jahre. Bertz-Verlag, Berlin 2003. 250 Seiten, 25 Euro

0 Kommentare

Neuester Kommentar