Kultur : Als die Helden laufen lernten

Rückkehr zu Beethoven, Mozart und modernen Klassikern: Heute beginnt in Berlin das Festival „Tanz im August“

Sandra Luzina

Michèle Anne De Mey sitzt im Café der Schaubühne und singt, skizziert ein Thema aus Beethovens 3. Sinfonie und wechselt plötzlich zu einem Thema von Mozart. Die Ähnlichkeit ist verblüffend. Die belgische Choreografin eröffnet den diesjährigen Berliner „Tanz im August“ – und der steht im Zeichen der Frauen. Seine Strahlkraft verdankt das größte deutsche Tanzfestival (bis 2. September) dem Zweigestirn Michèle Anne De Mey und Anne Teresa de Keersmaeker. De Mey zeigt zum Auftakt ihre Beethoven-Choreografie „Sinfonia Eroica“, De Keersmaeker beschert dem Internationalen Tanzfest mit „Mozart/Concert Arias“ ein glanzvolles Finale. Beide Werken sind Neubearbeitungen von herausragenden Produktionen aus den neunziger Jahren.

„Tanz im August“ wird 18 – und demonstriert sein Erwachsenwerden mit einer ausgewogenen Programmauswahl. Die Veranstalter, Tanzwerkstatt Berlin und Hebbel am Ufer, laufen nicht den neuesten choreografischen Moden hinterher – auch wenn mit Ann Liv Young die angeblich heißeste Performancekünstlerin aus New York eingeladen wurde. Young kam im pinkfarbenen Babydoll zur Pressekonferenz, De Mey trug Schwarz. Das veranschaulicht sehr schön die ästhetischen Pole des Festivals. „Der Tanz ist eine Feier des Flüchtigen. Doch immer stärker wird auch im zeitgenössischen Tanz der Wunsch sichtbar, sich der eigenen Tradition zu vergewissern.“ So erläuterte Bettina Masuch vom HAU die programmatische Klammer.

Wenn De Mey ihre Beethoven-Produktion nach 16 Jahren wieder aufnimmt, dann geht es ihr um eine Neubefragung – und zugleich darum, wo der Tanz heute steht. Der Elan und die Spontaneität der Gruppe stehen im Vordergrund, Paare finden und verlieren sich. Das Stück ist eine Feier jugendlicher Energie, es atmet die unerhörte Leichtigkeit des Seins und ist – so beteuert De Mey – wunderbar zu tanzen. „Nostalgie spielt keine Rolle“, erklärt die 47-Jährige. Deshalb hat sie die „Sinfonia Eroica“ nicht mit der ursprünglichen Besetzung, sondern mit jungen Tänzern neu inszeniert. Die 9 Akteure haben zunächst das komplette Bewegungsmaterial gelernt, danach wurde einen Monat lang improvisiert. Erst dann wurde die ursprüngliche Choreografie Schritt für Schritt einstudiert. „Die Tänzer streifen sich das Stück nicht wie ein fremdes Kleidungsstück über. Es gehört jetzt ihnen“, erklärt die sichtlich beglückte De Mey.

Mit „Sinfonia Eroica“ trat die junge Choreografin den Beweis an, dass man zu Beethoven tanzen kann. Dass sie sich an dieses musikalische Monument überhaupt herangewagt hat, hat sie Michael Gielen zu verdanken; damals hörte sie eine Einspielung des deutschen Dirigenten und war mitgerissen von ungewöhnlich schnellen Tempi. „Plötzlich konnte ich diese Energie spüren, den musikalischen Fluss, alles Schwere hatte sich verflüchtigt. Als ich diese Version hörte, dachte ich sofort: Das ist eine Aufforderung zum Tanz!“

In „Sinfonia Eroica“ bilden Beethoven-Auszüge und die Ouvertüre von Mozarts „Bastien/Bastienne“ die Pole für einen so leidenschaftlichen wie humorvollen Reigen der Sehnsüchte. Als Einsprengsel kommen zudem ein Paar Takte Jimi Hendrix vor. „Der Held meiner Jugend“, gesteht De Mey lächelnd. Einen Helden feiert auch die Musik – die Widmung an Napoleon strich Beethoven freilich später durch.

Es müssen aber auch heroische Zeiten gewesen sein in den Achtzigern. Diesen Eindruck vermittelt De Mey jedenfalls, wenn sie von ihren Anfängen erzählt. Ein Zirkel verwandter Geister hatte sich da zusammengefunden – De Keersmaeker war dabei und Jan Fabre –, alle sahen dieselben Filme, besuchten dieselben Rockkonzerte. Ein Tanzen ohne Komplexe sei damals möglich gewesen, erklärt De Mey. Die Choreografen konnten sich ganz der Erforschung des Körpers, der puren Lust an der Bewegung verschreiben. Heute hingegen sei stärker das konzeptuelle Denken gefordert, bei jeder Bewegung müsse man sich fragen: Geht das noch? Die Heiterkeit, das Spielerisch-Unbeschwerte, die überschäumende Musikalität des Stücks kommen auch in der Neueinstudierung zur Geltung. Roll over Beethoven – der Tanz hält sich nicht sklavisch an die Partitur, seinen Drive aber verdankt er der Musik.

Für ihre Musikalität ist auch Anne Teresa de Keersmaeker berühmt. Die beiden First Ladies des belgischen Tanzes waren zunächst Weggefährtinnen und sind heute immer noch eng befreundet. Ob De Keersmaeker nun zu Bartók oder Steve Reich choreografiert, indische Ragas mit Miles Davis kreuzt: der Tanz entfaltet sich im Dialog mit der Komposition.

Mit „Mozart/Concert Arias“, 1992 in Avignon uraufgeführt, schuf sie ein heiteres und farbenfrohes Werk. Wie Frauen und Männer in dieser Mozart-Huldigung einander betören und becircen, ist höchst vergnüglich anzuschauen. Bei den Aufführungen im Haus der Berliner Festspiele agieren die drei Sängerinnen auf der Bühne. Die Musik wird live vom Deutschen Sinfonie Orchester Berlin gespielt.

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