Kultur : Als die Männer wiederkamen Helga Hirsch über Frauen in den 50er Jahren

Hannes Schwenger

Endlich wieder leben“, lautet der Titel von Helga Hirschs Sammelband über die fünfziger Jahre aus der Sicht von Frauen. Eigentlich kein frauenspezifisches Motto, denn genauso mögen damals auch die Männer gedacht haben, die von der Front und aus Kriegsgefangenschaft zurückkehrten und hofften, in ein bürgerliches Familienleben zurückzufinden. Doch die Verhältnisse waren nicht so, für beide Geschlechter: Kriegerwitwen vermissten ihre Männer, Soldatenfrauen hatten zur Enttäuschung ihrer Männer andere Partner gefunden, Ausgebombte hatte ihr Heim, Vertriebene ihre ganze Existenz verloren, Berufssoldaten – und nicht nur sie – den Beruf, für den sie ausgebildet waren. Hausfrauen, die sich sicher im Ehehafen geglaubt hatten, wurden unverhofft zu alleinerziehenden Müttern. Es dauerte bis weit in die 50er Jahre – für die letzten Heimkehrer und ihre Familien bis 1956 –, dass wieder an ein normales Leben zu denken war, trotz Lastenausgleich, Wirtschaftswunder und sozialem Wohnungsbau. Auch die deutsche Teilung produzierte bis zum Mauerbau 1961 immer neue Flüchtlingswellen von Übersiedlern aus der DDR, die „endlich wieder leben“ wollten.

So ist die Bilanz, die Helga Hirschs Report aus neun beispielhaften Lebensläufen von Frauen zieht, weit weniger eindeutig als ihr Buchtitel. Er berichtet nicht nur von wieder erwachter Lebensfreude, sondern auch von materiellen, sexuellen und seelischen Nöten, von verdrängter Vergangenheit, verpatzten Lebenserwartungen, typischen Kindheitskonflikten von Kriegs- und Nachkriegskindern mit der Elterngeneration der NS-Zeit, von weiblichem Aufbegehren und Selbstbehauptung ebenso wie von Resignation. Wenn sowohl eine frühere CDU-Bundestagabgeordnete wie die Frau eines DDR-Ministers ihre 50er Jahre schildern, werden auch Klassen- und Systemunterschiede und spezifische Hoffnungen und Enttäuschungen deutlich: Roswitha Wisniewski (CDU) kann ihren Weg vom Flüchtlingskind – erst aus Pommern, dann aus der DDR in die Bundesrepublik – am Ende als Neuanfang nach einer Zeit begreifen, „die Unheil und Segen zugleich in sich barg“. Herta Kuhrig (SED) blickt auf eine sozialistische Karriere und das politische und persönliche Scheitern am DDR-Sozialismus zurück, der für sie „gründlich schiefgegangen“ ist. Amtsenthebung und Freitod ihres Mannes, schließlich das unrühmliche Ende der DDR lassen sie resignieren: „Wir waren doch am Ende.“ Ihr letzter Trost im Rückblick : „Unsere Funktionäre haben verantwortlich gehandelt und die Waffen nicht gegen das Volk gekehrt.“ Denn das wollte noch immer endlich leben und durfte diesmal, anders als im Volksaufstand von 1953, seine alten Männer endlich überleben. Hannes Schwenger

Helga Hirsch:

Endlich wieder leben. Die fünfziger Jahre im Rückblick von Frauen. Siedler Verlag, München 2012. 288 Seiten, 19,99 Euro.

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