Kultur : Als Erfurt noch in Preußen lag Der Fall Kirchner

im Sonderausschuss

Christina Tilmann

„Wir suchen die Wahrheit und finden immer weitere Fragen“, bilanziert Thomas Birk von Bündnis 90/Die Grünen etwas frustriert. In der Tat: Die Arbeit des Sonderausschusses „Restitution“ im Berliner Abgeordnetenhaus, der klären soll, ob die Berliner Kulturverwaltung Ernst Ludwig Kirchners „Berliner Straßenszene“ 2006 zu Recht an die Erben des Sammlers Alfred Hess restituiert hat, ist kleinteilig und mühsam – zumal, wenn Hauptakteure wie der ehemalige Kultursenator Thomas Flierl und seine damalige Staatssekretärin Barbara Kisseler wegen eines juristischen Verfahrens trotz Einladung nicht vor dem Ausschuss auftreten wollen.

Jost von Trott zu Solz, der sich als Gutachter für die Senatsverwaltung notwendigerweise in einer Verteidungsposition befindet, hat wahrscheinlich recht. Ihm zufolge beweist die Aufklärungsarbeit, die inzwischen Hunderte von Restitutionsforschern, Politikern, Journalisten und sonstigen Beteiligten beschäftigt, lediglich, dass die geltende Beweislastregelung in Restitutionsfällen richtig ist: Sie vermutet, dass jüdisches Eigentum nach 1933 aus Verfolgungsgründen verkauft wurde. Das Gegenteil, nämlich ein nicht verfolgungsbedingter Verkauf, lässt sich ohnehin nur in den seltensten Fällen belegen, etwa bei Erbauseinandersetzungen.

Achtzig Prozent des Vorgetragenen sei für die juristische Entscheidung irrelevant, so Trott zu Solz: also Fragen danach, ob die Familie 1928 insolvent war oder schon 1931 Bilder verkauft hat, ob ein Onkel von Hans Hess vor 1933 seine Villa verkauft hat, ob die Schuhfabrik 1934 finanziell saniert war und wer von der Familie da noch Anteilseigner war. Eins jedoch, so der Jurist, sei für ihn nach Kenntnis der Einzelheiten klarer denn je: Die Entscheidung, Kirchners „Straßenszene“ zu restituieren, sei richtig gewesen.

Das sehen bekanntlich nicht alle so: etwa der Potsdamer Historiker Andreas Hüneke, der viel Mühe auf den Nachweis verwandte, dass das zuletzt vorgestellte Gutachten von Monika Tatzkow und Gunnar Schnabel in Einzelpunkten fehlerhaft sei – das Gutachten versucht mit einer Fülle von Details die Rechtmäßigkeit der Restitution zu belegen. So sei das Kunstmuseum Basel mit der Kunsthalle verwechselt worden, und Erfurt, Wohnort der Familie Hess, habe vor 1933 nicht in Thüringen gelegen, sondern in Preußen.

Informationen, die die Welt nicht braucht. Umso wohltuender der souveräne Auftritt von Harald König vom Bundesamt für offene Vermögensfragen, der zeigte, dass es in Restitutionsfragen durchaus Fachleute, umfangreiche Forschung und Präzedenzfälle gibt. Hier mehr Informationsaustausch zu schaffen, wäre vorrangiges Gebot. Kirchner ist kein Einzelfall. Christina Tilmann

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben