Kultur : Als Gott zürnte

An den Grenzen der Sprache: In „Babel“ ist die Welt ein gefährliches Dorf

Karl Hafner

In China kippt ein Sack Reis um, in Marokko fällt ein Schuss, auf der A 8 ist Stau. Null-Nachrichten, die niemanden interessieren, der nicht davon betroffen ist. In der marokkanischen Wüste hat ein Moslem auf einen amerikanischen Reisebus gefeuert. Sofort springt die globale Medienmaschinerie an: Terroranschlag! Die Wahrheit in Alejandro González Iñárritus Film „Babel“ müsste aber anders vermeldet werden: Zwei marokkanische Hirtenjungen, Moslems, weil man in Marokko eben Moslem ist, haben einen Schuss abgegeben, aus purer Blödheit. Weil sie sich gestritten hatten, wer besser schießen kann. Und da kam zufällig dieser Bus.

Ein persönliches Unglück nimmt seinen Lauf. Das haben Iñárritu und sein Drehbuchautor Guillermo Arriaga bereits in ihren beiden anderen gemeinsamen Filmen „Amores Perros“ und „21 Gramm“ ins Zentrum ihrer Episoden gestellt. Auch in „Babel“, der den letzten Teil dieser Trilogie um Schuld, Einsamkeit und Isolation bildet, gibt es mehrere Handlungsfäden, die nur lose miteinander verbunden sind und weder in chronologischer noch räumlicher Einheit erzählt werden. Eine kausale Logik erschließt sich erst im Rückblick. Dann könnte man anfangen zu psychologisieren und zu erklären. Danach wüsste man alles besser. Doch nicht der Mensch, sondern das Schicksal ist hier Hauptakteur.

Der Schuss kracht mitten ins Leben eines amerikanischen Ehepaars, gespielt von Brad Pitt und Cate Blanchett. Die Frau wird schwer verwundet. Sie wird in einem kleinen Dorf mit primitivsten Mitteln versorgt und hofft, dass bald ein Krankenwagen kommt. In der Wüste läuft nichts so, wie sie es aus ihrem US-Mittelstandsleben gewohnt sind. Währenddessen wartet daheim ihr mexikanisches Kindermädchen, um zur Hochzeit ihres Sohnes nach Mexiko fahren zu können. Sie beschließt, die Kinder des Paares zur Feier mitzunehmen. Doch auf der Rückreise gibt es an der Grenze Probleme. Ihr Neffe (Gael Garcia Bernal) fühlt sich provoziert von der herablassenden Art des amerikanischen Grenzbeamten und dreht durch.

In Tokio begibt sich ein gehörloses Mädchen (Koji Yakusho) auf die verzweifelte Suche nach Liebe und erstem Sex. Ein Polizist will nur überprüfen, ob die Tatwaffe vor Jahren mal ihrem Vater gehört hat, und wird das Objekt ihrer Begierde. Liebe findet das Mädchen bei ihm nicht, vielleicht Mitleid.

Hochmütig war der Mensch, heißt es in der titelgebenden Geschichte im Buch Genesis, als er in Babel einen Turm bis in den Himmel bauen wollte. Gott zürnte und strafte. Seitdem muss die Menschheit verschiedene Sprachen sprechen. Iñárritu lässt die Strafe Gottes eskalieren. Vorurteile und Missverständnisse zerstören Existenzen. Noch in Tokio, am weitesten entfernt vom Zentrum des Unglücks, vergiftet sie die Seele.

Der Plot ist hochgradig artifiziell und nicht zwingend. Natürlich. Dass er trotzdem stimmig und unangestrengt wirkt, liegt daran, dass Iñárritu seinen Bildern Bezüge und Parallelen jenseits der Handlung zutraut. Neben allen Mitteilungsproblemen gibt es bei ihm eine universelle Grammatik der Gesten und Gesichtsausdrücke, die beredt werden, wenn keine Sprache mehr möglich ist. In der Angst oder in der Freude, in der Panik oder im Gefühl des Verlusts werden die Gesichter gleich. Da ist es egal, ob jemand aus dem amerikanischen Mittelstand kommt, muslimischer Schafhirte oder japanischer Teenager ist.

Das Verbindende der Geschichten findet man in der Parallelität der Bilder. Das ist eine Kinoauffassung, die den Bildern alles und den sprachlichen Erklärungsmustern wenig zutraut. In den emotionalsten Momenten sucht die Kamera schmerzhaft intime Nahaufnahmen. Ruppige Schwenks und hitzige Montagen lassen nur noch Bruchstücke der Umgebung erkennen. In diesen Momenten fühlt man sich als Zuschauer fast körperlich angegriffen. Dann setzt schnell der Reflex ein, sich wehren zu wollen. Wie weit man das mit sich machen lässt, konnte man zuletzt auch bei Iñárritus mexikanischem Regiekollegen Alfonso Cuaron und seinem „Children of Men“ erleben.

Es ist ein Fegefeuer, das Iñárritu in seinen Filmen entfacht. Doch dieses Mal schickt er nicht alle Figuren in die Hölle. Das amerikanische Ehepaar findet in der Krise wieder zusammen. Es ist sicher kein Zufall, dass ausgerechnet die Wohlhabendsten am Schluss wieder hoffen dürfen. Die Medien werden melden: Amerikanisches Ehepaar in Sicherheit. Es geht ihm, den Umständen entsprechend, gut. Die anderen sind nicht der Rede wert.

Ab Donnerstag in den Berliner Kinos Cinemaxx Potsdamer Platz, Delphi, International, Kulturbrauerei, Yorck; OmU: Cinestar Sony-Center, Hackesche Höfe und Odeon

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