Kultur : Als Herr Litfaß die Säule erfand

Jetzt geht die Party richtig los: Was Berlin 2004 zu feiern hat. Eine Vorschau auf Jubiläen und Jecken im Neuen Jahr

Alexander Visser

Januar. Die Tresortür der Disconto-Gesellschaft am Wittenbergplatz gilt als unüberwindbar. Also graben die Einbrecher einen Tunnel, brechen 179 Fächer auf und erbeuten Geld, Papiere und Wertgegenstände im Gesamtwert von über zwei Millionen Reichsmark. Ganz Berlin weiß: Die Brüder Franz und Erich Saß haben wieder zugeschlagen. Doch der Polizei gelingt es nicht, sie zu überführen. Vor 75 Jahren, am 27. Januar 1929, gelang der raffinierte Coup, der 1957 mit Hardy Krüger und Martin Held verfilmt wurde („Banktresor 713“). Schöner Anlass, zum Gedenken Gangster-Mottoparties im Stil der goldenen Zwanziger zu feiern.

Februar. Nach alle den Ostalgie-Shows ist es jetzt an der Zeit, sich des guten alten Westberlins zu erinnern: zum Beispiel an den 9. Februar 1984. Eberhard Diepgen wird Regierender Bürgermeister der Teilstadt – und bleibt es bis 1991. Danach tritt sie ab, die Garde der konservativen Arbeiterkinder, die sich einst in der Jungen Union formierte. Wie wäre es mit einem nostalgischen Stehempfang zum Gedenken an Diepgens Amtsantritt vor 20 Jahren im Herzen der City-West, unter der „Uhr der fließenden Zeit“ im Europacenter?

März. Allmählich kommt die industrielle Revolution auch in Berlin in Fahrt und ermöglicht, was zuvor als unmöglich galt. Zum Beispiel die Aufzeichnung der menschlichen Stimme. Am 3. März 1904 wird auf der so genannten Edison-Walze die älteste erhaltene Politikerrede festgehalten. Es spricht Kaiser Wilhelm: „Hart sein im Schmerz, nicht wünschen, was unerreichbar oder wertlos, zufrieden mit dem Tag, wie er kommt; in allem das Gute suchen und Freude an der Natur und an den Menschen haben, wie sie nun einmal sind ...“ Politikerreden waren vor 100 Jahren auch nicht gehaltvoller als heute.

April. Waffen für Nicaragua, Widerstand gegen den Atomstaat und Solidarität mit den Hausbesetzern: Seit dem 17. April 1979 erscheint die „taz“ regelmäßig. Entgegen allen Erwartungen, trotz vieler interner Grabenkämpfe und einer permanenten Unterfinanzierung feiert die vor 25 Jahren gegründete Tageszeitung wieder ein Jubiläum. Die Geburtstagsparty steigt im Tempodrom. Zusätzlich hat das unberechenbarste Berliner Blatt eine Veranstaltungsreihe initiiert, auf der ausführlich diskutiert werden darf.

Mai. Am 1. Mai können Berliner mit einer Wiederaufnahme der rituellen „Kreuzberger Festspiele“ rechnen. Trotzdem wird es gewiss weniger brutal zugehen als vor 75 Jahren: Im so genannten „Blutmai“ 1929 sterben 31 Arbeiter und Passanten im Kugelhagel der Polizei. Trotz des Demonstrationsverbots durch den sozialdemokratischen Polizeipräsidenten Karl Zörgiebel hatte die Kommunistische Partei Aufmärsche organisiert. Mittlerweile haben sich die entfernten Nachfahren der Streitparteien ja einigermaßen arrangiert.

Juni. Mit einer großen Parade verabschieden sich die Westalliierten am 18. Juni 1994 von der Stadt. 75000 Berliner säumen die Straße des 17. Juni. Abends tanzen sie zur Musik der Leningrad Cowboys. Im August marschieren die Russen zum letzten Mal an der Wuhlheide. Vor zehn Jahren kehrten die letzten Soldaten der Stadt den Rücken. Alliierte Besatzungs- und Friedenstruppen werden heute anderswo dringender benötigt.

Juli. Eine politische Demonstration, die vor allem Spaß machen soll, passt wunderbar zum postideologischen Geist der Neunzigerjahre. 1989 zieht die erste Love Parade mit nur einem VW-Bus und 150 Ravern 1989 als jux-politisches Happening über den Kurfürstendamm, vor 15 Jahren. Seitdem hat sich die Techno-Prozession mehrfach verändert: neue Route, Gegen-Parade, ins Gigantische wachsende Ravermassen, dann zurückgehende Besucherzahlen und Abschied vom Demo-Charakter der Party. Doch in Berlin leben Totgesagte länger (siehe April). Auch am 10. Juli 2004 werden Techno-Fans die Siegessäule zum Wippen bringen.

August . Wenn auf einem Bild ein in Decken gehülltes, schwindsüchtiges Mädchen neben Mülltonnen im Hof sitzt und sein buckliger, kleiner Bruder ruft: „Mutta, jib doch die zwee Blumentöppe raus, Lieschen sitzt so jern ins Jrüne“, kann das nur ein Werk von Heinrich Zille sein. Der Gottvater der Berliner Schnoddrigkeit starb am 9. August 1929 im Alter von 71 Jahren nach zwei Schlaganfällen. An seinen Todestag vor 75 Jahren erinnert das Zille-Museum im Nikolaiviertel mit Ausstellungen und Lesungen.

September. Der Rat von Berlin-Cölln erlässt am 24. dieses Monats eine Verordnung, die sich gegen zu prächtige Kleidung vor allem der modischen Bürgerinnen richtet: „Zum ersten wollen wir, dass keine Frau noch Jungfrau an Armspangen oder Geschmeide mehr tragen darf, als eine halbe Mark wiegen mag, und von echten Perlen sollen sie nicht mehr tragen, als eine halbe Mark wert ist“, heißt es darin. Der Aufruf der prä-protestantischen Puristen zu schlichter Kleidung vor 670 Jahren bleibt nicht ohne Folgen: Viele traditionsbewusste Berliner werden auch 2004 durch das Tragen ausgebeulter Turnschuhe und Jogginganzüge an das Jahr 1334 erinnern.

Oktober. 1929 erscheint Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“. Er komponiert die schmutzigen Seiten der Stadt zwischen Amüsierlokal und Zuchthaus zu einem berauschenden Stimmen-Mosaik. Das Häusergewirr, durch das der entlassene Sträfling und Romanheld Franz Biberkopf irrte, gibt es nicht mehr. Im Roman, der vor 75 Jahren erschien, lebt es weiter.

November. Seit 1724 steht die erste Holzkonstruktion, ab 1894 wird die Backsteinbrücke gebaut, die im zweiten Weltkrieg zerstört wird. Danach existiert zunächst nur eine Behelfsbrücke für Fußgänger. Zum Gedenken an den Fall der Mauer wird die Oberbaumbrücke mit ihren hübschen Klinkertürmen am 9. November jedoch wiedereröffnet und verbindet seit vor 10 Jahren den nun auch behördlicherseits vereinigten Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg. Eingefleischte Kreuzberger halten das neue Einfallstor zu ihrem Kiez nach wie vor für eine Sünde. Alle anderen feiern im Sommer auf dem Oberbaumbrückenfest.

Dezember. Unternehmerischer Erfolg stellt sich oft dann ein, wenn jemand eine Marktlücke entdeckt und sie zu füllen versteht. Vorbildlich machte das ein Buchdrucker und Verleger, dem vor 150 Jahren auffiel, wie viele Annoncen, Plakate und Aufrufe eine aufstrebende Stadt wie Berlin produziert. Am 5. Dezember 1854 meldet Ernst Theodor Amandus Litfaß das Patent für seine Plakatsäule an, die Passanten bis heute den Kopf verdreht. Wer dem Erfinder zum Gedenktag einen Besuch abstatten will, findet sein Grab zwischen Brecht und Hegel auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Mitte.

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