Kultur : Als Hitler den Untergang Deutschlands begriff

Im Auftrag des „Führers“ wurden gefährdete Baudenkmäler im Bild festgehalten

Bernhard Schulz

Eine Sensation ist vom kommenden Freitag an im Internet zu besichtigen: 39000 Farbdias, die im Auftrag Hitlers vom Frühsommer 1943 an bis fast zum Ende des Krieges in Schlössern, Kirchen und anderen Baudenkmälern aufgenommen wurden. Zu sehen sind Ganzaufnahmen, vor allem aber Details von Wandbildern und Raumdekorationen, die zu einem großen Teil alsbald dem Krieg zum Opfer fielen. Mit einem Mal lässt sich erahnen, welche Pracht es in Bauten zu bewundern gab, die in der Nachkriegszeit allenfalls in ihrer äußeren Gestalt wiedererstanden sind.

Eigentlich ist der Fachwelt das Material längst bekannt: Anfang 1956 wurde das Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte mit der Archivierung von 40000 an verschiedenen Auslagerungsorten aufgefundenen Dias betraut. Später gelangten weitere 20000 Dias, die teilweise dasselbe dokumentieren wie die Münchner Bestände, in den Besitz des Bildarchivs Foto Marburg, der kunsthistorischen Sammelstelle Deutschlands für Fotografien von Kunstwerken. Beide Institutionen vereinbarten vor fünf Jahren, die rapide verblassenden Dias digital aufzuarbeiten und ins Netz zu stellen. Was bislang nur Spezialisten zugänglich war, kann nun von jedermann eingesehen werden. Der Netzzugang – das ist die eigentliche Sensation.

Der „Führerauftrag für Farbaufnahmen von Decken- und Wandmalereien in historischen Baudenkmälern Großdeutschlands“ erging im Frühjahr 1943. Nach der Katastrophe von Stalingrad begann sich die Niederlage des Nazi-Reichs abzuzeichnen. Der „totale Krieg“, den Propagandaminister Goebbels mit seiner berüchtigten Sportpalast-Rede vom 18. Februar entfesseln wollte, war bereits losgebrochen. Immer stärker wüteten die Flächenbombardements in den Städten. Selbst den Machthabern dämmerte, dass das Deutsche Reich in Schutt und Asche versinken würde.

Die Ergebnisse erster Probeaufnahmen überzeugten den „Führer“. Von da an organisierte die „Hauptabteilung Bildende Kunst“ im Reichspropagandaministerium die flächendeckende Dokumentation aller nennenswerten Bauten im „Großdeutschen Reich“, also unter Einschluss von Österreich, Böhmen und Mähren sowie Teilen der besetzten „Ostgebiete“ Polens und Russlands. Rund 2000 Bauten dürften – übrigens von den Denkmalämtern der „Reichsgaue“ – ausgewählt worden sein, auf den erhaltenen Dias lassen sich 480 Bauwerke identifizieren. Zunächst zehn, später fünfzig Aufnahmen sollten von jedem Objekt angefertigt werden – insgesamt also 100000 Motive. In aller Regel waren aufwändige Beleuchtungen erforderlich, wie Rechnungen von Stadtwerken für Stromlieferungen bis zum April 1945 (!) belegen.

Die Gesamtzahl der Aufnahmen lässt sich nicht mehr ermitteln. Die beiden Sammlungen in München und Marburg mit ihren insgesamt 40000 Motiven sind von unschätzbarem Wert. Denn ein erheblicher Teil der dokumentierten Wandbilder und Dekorationen wurde während der letzten beiden Kriegsjahre zerstört.

Ihre mögliche Wiederherstellung hatten die NS-Machthaber bereits bei der Erteilung des „Führerauftrages“ im Sinn. Das Ausmaß an vollständiger Zerstörung, die die Bombardierung aus der Luft und gegen Kriegsende zusätzlich der Artilleriebeschuss der vorrückenden Alliierten anrichteten, war 1943 zu erahnen. Immerhin war bereits Anfang Mai 1942 die „bomben- und brandsichere Unterbringung sämtlicher Kulturwerte“ vom „Führerhauptquartier“ angeordnet worden. Verräterisch ist allerdings, dass den Fotografen Außenaufnahmen zerstörter Bauten ausdrücklich untersagt waren – das hätte womöglich als „Wehrkraftzersetzung“ gegolten. Gleichwohl gibt es solche Außenaufnahmen, etwa vom ausgebrannten Schloss Charlottenburg.

Auf Grundlage von im Dezember 1943 erlassenen „Richtlinien“ entwickelte sich das Vorhaben unbeirrt weiter. Die für das Projekt abgestellten zahlreichen Fotografen und Mitarbeiter dürften froh gewesen sein, nicht an die Front abkommandiert zu werden. Renommierte Fachleute arbeiteten mit: Hochschullehrer, Bildjournalisten, aber auch Kunsthistoriker und Chemiker. Als Material wurde der damals noch recht neue Farbumkehrfilm „Agfacolor-Neu“ im Kleinbildformat gewählt, mit dem die gewünschten Dokumentationsaufnahmen einfacher und preiswerter zu erzielen waren als mit der geläufigen, großformatigen Plattenkamera. Allerdings musste in Kauf genommen werden, dass die Kleinbilddias nicht die Schärfe von Plattenabzügen aufweisen – von der Ungenauigkeit und Instabilität der Farbwiedergabe ganz abgesehen, die beständiger Gegenstand von Auseinandersetzungen zwischen den Fotografen und der Firma Agfa waren.

Die alten Dias halten nicht ewig. Anfang der neunziger Jahre war das Verblassen der Farben bereits so weit fortgeschritten, dass Fotohistoriker sie für „vollkommen unbrauchbar“ hielten. Die Digitalisierung der Bestände widerlegt solche Urteile, zumal die Farben der gespeicherten Aufnahmen anhand von denkmalpflegerischen Befunden aus den betreffenden Bauten fallweise sehr genau korrigiert werden können.

Damit dürfte der Wunsch nach Rekonstruktion kriegszerstörter Innenausstattungen sprunghaft zunehmen. Denn das Innenleben zahlloser kriegszerstörter Baudenkmale ist bislang bestenfalls bruchstückhaft bekannt. Jahrzehntelange Debatten drehten sich um die Dekoration von Schlössern und Kirchen. In der Nachkriegszeit konnte die äußere Gestalt vieler kriegsbeschädigter Bauten eindrucksvoll wiederhergestellt werden – doch das Innere blieb bestenfalls karg oder wurde „zeitgenössisch“ gestaltet. Mit dem Münchner Dia-Material erschließen sich stattdessen Möglichkeiten einer viel weiter gehenden Restaurierung.

So wird über einen Wiederaufbau des Berliner Schlosses seit Jahren heftig diskutiert. Geläufig sind die Schwarz-Weiß- Aufnahmen des Bauwerks. Jetzt kann sich eine breite Öffentlichkeit eine Vorstellung von der ganzen, untergegangenen Farbpracht der Innenräume machen.

Insgesamt wird die Diskussion um den Rückgewinn bitterer Kriegsverluste neu geführt werden – mit 39000 atemberaubenden Belegstücken aus dem Internet.

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