Kultur : Als ich noch ohne Narben war

Wiederentdeckt: Albertine Sarrazin erzählt in ihrem wilden Roman „Astragalus“ von einem Leben zwischen Gefängnis, Krankenhaus und Straßenstrich – und vor allem von einer großen Liebe.

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Leidenschaftlich. Drei Romane hat Albertine Sarrazin geschrieben, bevor sie mit 29 Jahren durch einen Anästhesiefehler bei einer Operation starb. „Astragalus“ ist ihr autobiografisch geprägter Erstling, das Foto entstand in Sarrazins Todesjahr 1967. Foto: AFP ImageForum
Leidenschaftlich. Drei Romane hat Albertine Sarrazin geschrieben, bevor sie mit 29 Jahren durch einen Anästhesiefehler bei einer...Foto: AFP

Alles ist hoch, weit, intensiv, getragen vom Schwung des Absprungs und der Wucht des Aufpralls. Wenn die Heldin dieses Romans mit einem einzigen Satz von der Gefängnismauer in die Freiheit springt, reißt sie den Leser mit in eine gänzlich andere Welt. Eine Straße in der französischen Provinz Ende der fünfziger Jahre. So lange ist das noch gar nicht her, denkt man, um alsbald zu begreifen, wie weit man soeben gesprungen ist: aus der saturierten Welt zahm eingehegter Liebesromane unserer Tage mitten hinein in einen Liebesdiskurs, zu dem Schmerz, Gewalt, Verletzungen und Narben so selbstverständlich gehören wie heute die Ratschläge zu deren Vermeidung.

Anne, die 19-jährige Kleinkriminelle, hat sich bei ihrem Sprung den Knöchel verletzt, jenen „Astragalus“ genannten Teil des Sprunggelenks, der dem 1965 im französischen Original erschienenen und nun in einer neuen, sehr gelungenen deutschen Übersetzung vorliegenden Roman den Titel gibt. Diese Verletzung wird zum Motor der Handlung: in der wuchtigen Präsenz des explodierenden Schmerzes, im Wundbrand einer verschleppten Heilung, und schließlich in einer Operation, bei der der zerschmetterte Knochen entfernt und das Gelenk versteift wird. Bei aller Konkretion ist sie aber auch ein handfestes Dingsymbol, das einer ganzen Kaskade symbolischer Bezüge Raum gibt. Das macht die verblüffende literarische Qualität dieser Wiederentdeckung aus, für die sich Patti Smith in einem sehr persönlichen Nachwort stark macht, den Spuren Simone de Beauvoirs folgend, die einst die hochbegabte junge Autorin zum weiblichen Genet erklärte. Ganz falsch ist das nicht. Denn „Astragalus“ lässt sich ohne Weiteres als die Entfaltung des berühmten Diktums von Jean Genet lesen, dass es keine andere Quelle der Schönheit gäbe als die Verletzung.

Schnoddrig, lebhaft, kokett und doch auch diszipliniert ist der Stil Albertine Sarrazins. Etwas Filmisches liegt über der Szenerie, wenn die Ausbrecherin auf der Straße aufgelesen wird, zunächst von einem Lkw-Fahrer, der Ärger befürchtet und deshalb einen Autofahrer herbeiwinkt. Der Mann verspricht ihr, wiederzukommen, stattet sie mit Zigaretten aus und lädt sie tatsächlich viele Stunden später auf den Sozius eines Motorrads. Und ab geht es durch die Nacht.

Die beiden sind sofort ein Paar und erkennen sich in jenem hohen Sinne, wie man sich in der Liebe erkennt. Auch Julien ist ein Krimineller, einer von der guten Sorte, der Solidarität mit jenen übt, die ihm wichtig sind. Er bringt Anne in verschiedenen Wohnungen unter, mal bei Mutter und Schwester, mal in einem pleitegegangenen Stundenhotel, mal bei einer Pariser Prostituierten mit Tochter. Er zahlt für sie, er kümmert sich um sie, und er verschwindet immer wieder für längere Zeit.

Zwar ist Anne nun endlich in Freiheit, durch ihre Verletzung aber auf eine neue und vielfältige Weise gefesselt: Gefesselt an ihren eingeschränkten Körper, an die schmerzende „Haxe“ und die Sorge um die ausbleibende Heilung, gefesselt an ihre Helfer, die ihr nur jenes Maß an Zuwendung angedeihen lassen, für das Julien sie bezahlt, gefesselt auch an eine neue Art von Häuslichkeit, die sie zur Bewegungslosigkeit verdammt und doch zugleich jene familiäre und intime Vertrautheit ausstrahlt, die für einen Menschen aus schwierigen Familienverhältnissen verlockend wirkt. Vor allem aber ist sie an die Liebe zu Julien gefesselt und an die Eifersucht, die sie empfindet und zu leugnen versucht.

Mit sicherer Intuition spinnt Albertine Sarrazin ihre Fäden. Unablässig bringt sie Bilder der Fürsorge, Intimität und Erlösung hervor und wickelt ihre Heldin wie in einen Kokon darin ein. Dabei hat selbst die religiöse Symbolik etwas Lakonisches. Etwa wenn es anfangs heißt: „Ich war irgendwann vor Ostern abgehauen, aber nichts erstand auf, nichts starb, nichts lebte.“ Oder wenn Anne nach der Operation zu Julien sagt: „Siehst du, du kommst gerade recht zu meiner Auferstehung.“ Dass die Liebe kein Hort der Sicherheit ist, sondern eine Wunde, daran erinnert dieser Liebesroman, ohne es thetisch behaupten zu müssen. Als Julien für längere Zeit abtaucht – später stellt sich heraus, dass er wieder in Haft ist –, verdient Anne ihr Geld auf dem Pariser Strich. Sie fühlt sich stark, selbstständig, aber ohne Anmut, und das liegt nicht an ihrem Bein allein: „Unter den Worten und Liebkosungen der Männer vergesse ich manchmal, dass ich gar nicht so schön, so nett bin. Wenn ihr mich vorher gesehen hättet, ihr Blödmänner, als ich noch ganz war und ohne Liebe, wenn ihr mich morgen sehen könntet, wenn ich vernarbt, wenn ich von allem genesen sein werde, außer von der Liebe...“

Das verletzte Bein wird in seiner ganzen Ambivalenz zur Trophäe der Liebe. An ihm manifestiert sich nicht nur in pekuniärer Hinsicht die Zuwendung, die Julien ihr schenkt, sondern es entwickelt sich auch ein ganzes System liebevoller Rücksichten und Gesten, die er ihr angedeihen lässt, und die er womöglich auf andere Weise nicht ausdrücken könnte. Das schweißt die beiden ebenso zusammen wie die Gefängniserfahrung, „deren Narbe uns prägt und vereint“. Auch wenn man dem Pathos der Ausgeschlossenen und Verfemten mittlerweile ein wenig misstraut, ist „Astragalus“ ein höchst eindrucksvoller Roman über die Zusammengehörigkeit von Liebe und Schmerz geblieben.

Die tragische Lebensgeschichte Albertine Sarrazins trägt sicher auch dazu bei, dass uns ihr stark autobiografisch geprägtes Werk immer noch berührt. Nur drei Romane hat die 1937 in Algier geborene und bei französischen Adoptiveltern sowie in Heimen aufgewachsene Schriftstellerin geschrieben. „L’Astragale“ und „La Cavale“ erschienen 1965, „La Traversière“ ein Jahr später. Acht Jahre, von denen sie die meiste Zeit im Gefängnis saßen, dauerte ihre Ehe mit Julien (so hieß er auch im richtigen Leben), bevor sie mit 29 Jahren durch einen Anästhesiefehler bei einer Nierenoperation starb.

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