Kultur : Als Lofts noch Labore waren

Geschenk für Berlin: Die Sammler Paul Maenz und Gerd de Vries spendieren 250 grafische Arbeiten

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Herr Maenz, Herr de Vries, in der nächsten Woche übergeben Sie ein Konvolut sehr persönlicher grafischer Arbeiten dem Berliner Kupferstichkabinett. Warum fiel Ihre Wahl auf Berlin?

PM: Seit dreißig Jahren verfolgt uns ein Grafikschrank, und irgendwann gingen die Schubladen nicht mehr zu: Künstlerentwürfe für Ausstellungen, illustrierte Briefe, gewidmete Fotos oder signierte Plakate – sozusagen die Setzschichten unseres täglichen Umgangs mit Kunst und Künstlern. Wir haben Erika Hoffmann gefragt, ob diese Dinge für die Sammlung der Graphischen Gesellschaft interessant wären. Zusammen mit dem Direktor des Kupferstichkabinetts hat sie sich die rund 200 Blätter dann angesehen, und beide hatten spontan die Idee, daraus Ausstellung und Katalog zu machen.

GdV: Viele dieser Arbeiten stammen aus ganz frühen Werkphasen. Ein Beispiel: 1971 war ich mit Mario Merz auf einem Konzert in Düsseldorf, bei dem er mir auf kleinen Karteikarten das System der Fibonacci-Reihe erklärt hat, die sich ja durch sein ganzes Werk zog. Oder unser Korrespondenzordner, der sich als Fundgrube entpuppte: Lange Zeit hat Hanne Darboven fast jeden Tag einen gezeichneten Brief geschickt, oder Daniel Buren, von dem es ja sonst kaum Zeichnungen gibt, schickte farbige Aufrisse seiner Ausstellungsprojekte.

PM: Oft sind es Werke, die nicht für den Markt bestimmt waren: Freundschaftsgrüße von Künstlern, aus Dankbarkeit, oder einfach weil Weihnachten vor der Tür stand. . .

GdV: Und es gibt ja auch Dinge, die so persönlich sind, dass sie im Handel oder auf Auktionen nichts zu suchen haben.

Warum kam nicht Weimar zum Zuge, wo der Großteil Ihrer Sammlung im Museum seinen Platz gefunden hat?

PM: Diese Verbindung besteht jetzt seit elf Jahren, und ich warte bis heute darauf, dass Weimar herausfindet, was es eigentlich mit der Sammlung will. Soll aus dem Neuen Museum Weimar eine Kunsthalle werden oder doch ein modernes Museum wie bei seiner Gründung beabsichtigt? Gerade haben wir das Gespräch wieder aufgenommen, um diese Frage endlich zu klären.

„Auffrischender Wind aus wechselnden Richtungen“ hieß seinerzeit optimistisch die Eröffnungsausstellung. Heute spürt man von dort kaum mehr als ein laues Lüftchen. Können Sie sich vorstellen, einen Teil der Sammlung wieder abzuziehen?

PM: Ich hatte gedacht, die Sammlung wäre der erste Baustein, auf den man dann einen zweiten und einen dritten setzt. Die Idee war ja immer, dass es nicht so sehr aufs Besitzen, sondern vor allem aufs Benutzen ankommt, wie John Cage einmal gesagt hat. Die Hälfte der Sammlung ist eine Leihgabe, der andere Teil wurde seinerzeit geschenkt oder erworben. Jedenfalls habe ich den Eindruck, dass das, was für mich ein enthusiastischer Anfang war, in Weimar eher für ein anstrengendes Ende gehalten wird. Der Pfeffer fehlt, der Spaß an der Gegenwart – wohl auch die Liebe zur Kunst. Was mit meinen Leihgaben passiert, werden wir noch in diesem Herbst entscheiden.

Andererseits ist die zunehmende Macht privater Sammler in die Kritik geraten. Wie ist das Verhältnis zu verbessern?

GdV: Im Idealfall bilden Museum und Sammler eine Partnerschaft, die von keiner Seite dominiert wird. Es nützt nichts, wenn Sammler die Regale der Museen mit Werken füllen, die Häuser aber nicht in der Lage sind, damit zielgerichtet umzugehen und kulturell Mehrwert zu erwirtschaften.

PM: Natürlich können Privatsammler die Museen unterstützen, ohne dass die öffentliche Hand aus der Pflicht genommen wird. Es muss ja nicht ganz so weit kommen wie in Berlin, wo das Sammeln von Sammlungen zum Prinzip gemacht wird. Wir wissen alle, dass diese Stadt heute eine Kunstwerkstatt erster Ordnung ist. Eben daran sollten sich die Museen beteiligen.

Vieles aus ihrer aktuellen Schenkung erzählt von den Siebziger- und Achtzigerjahren, der Zeit, in der sie als Galeristen aktiv waren. Wie hat sich die Galerieszene in den letzten Jahrzehnten gewandelt?

PM: Noch in den Sechzigern ging der Kunsthändler ins Atelier und suchte die zwölf besten Bilder für seine nächste Ausstellung aus. Galerien hatten eher den Charakter von Ladengeschäften. Um 1970 kam eine neue Generation, unsere, vorneweg Konrad Fischer. Wir haben uns eher als Geburtshelfer verstanden und unsere billigen Hinterhofräume oder Fabriketagen den Künstlern zur Verfügung gestellt – carte blanche: die Galerie als Labor. Später dann wurde dieser aus der Not geborene spartanische Aufritt von den eleganten Loftspaces, beispielsweise in New York bei Mary Boone, mit raffiniertem Styling nachgeäfft.

Wie war die wirtschaftliche Situation?

GdV: Die Künstler waren von der Generation her am selben Punkt wie wir, und Geld hatten wir alle keins. Von der Kunst konnten wir lange Zeit nicht leben. Es gab wenig Publikum, und vieles existierte auch nur für den Moment. Wir haben deshalb bald angefangen, die Galerietätigkeit festzuhalten und regelmäßig Jahresberichte herausgegeben. Im Laufe der nächsten zwanzig Jahre hat das gesellschaftliche Interesse an der Kunst dann enorm zugenommen: Hatten wir einem Künstler anfangs noch stolz telegrafiert, seine Ausstellung hätten insgesamt fabelhafte 60 Besucher gesehen, so kamen Ende der Achtzigerjahre an einem Abend auch schon mal an die 2000 Leute.

Kunst wurde ein Massenphänomen. Haben sie deshalb 1990 aufgehört?

PM: Nein. Die Popularität der Wilden Malerei in den frühen Achtzigerjahren, von der „Mühlheimer Freiheit“ bis zu den „Berliner Heftigen“, hatte ja auch etwas Befreiendes. Die Kunstwelt schien plötzlich jedermann zugänglich. Bei den Vernissagen trafen sich sämtliche Generationen und Einkommensklassen. Die Galerie war zu einer gesellschaftlichen Plattform geworden, zum offenen Raum.

Warum haben sie dann auf dem Höhepunkt des Erfolges geschlossen? Ahnten Sie, dass der Markt für neue Malerei zusammenbrechen würde?

GdV: Tatsächlich liefen die Geschäfte nie besser als um 1990. Aber wir hatten, auch vom Alter her, einen Punkt erreicht, wo die jungen Künstler fast unsere Kinder hätten sein können, in deren Augen die ganze Welt völlig anders aussah. Naheliegend wäre gewesen, als Galerist allmählich zum Kunsthändler zu mutieren – aber das war für uns irgendwie immer die „Gegenseite“.

PM: Ganz abgesehen davon, dass wir immer fanden, eine Galerie sollte einen anständigen Anfang und ein ebenso bewusstes Ende haben.

Zurzeit floriert die junge deutsche Malerei wieder einmal. Haben Künstler heute zu früh zu viel Erfolg?

PM: Manche zweifellos: Die Achtzigerjahre haben in der Kunstwelt und bei den Künstlern ihre Spuren hinterlassen. Wenn ein Künstler früher machte, was er wollte und davon leben konnte, war eigentlich das Klassenziel erreicht. Heute gibt es zum Shooting Star kaum eine interessante Alternative. Wenn Sie als Galerist für einen Künstler diesen Status nicht einigermaßen zügig herstellen können, sind sie für ihn bei aller Freundschaft, nun ja, ein Versager.

Haben Sie heute eigentlich viele Déjà-vu-Erlebnisse, wenn Sie Ausstellungen besuchen?

PM: Natürlich. Oft beginne ich dann Sätze mit „Also damals, wissen Sie, haben wir ...“ Da kann man sich nur auf die Zunge beißen. Uns hat man, als wir jung waren, ständig vom Krieg erzählt und von vergessenen Genies aus den Zwanzigern. Uns hat das nicht die Bohne interessiert. Die eigene Situation war für uns der Mittelpunkt der Welt. Abgesehen davon scheint es, als entwickele sich Kunst in Spiralen, und manche Runden hauen einen halt nur beim ersten Mal um.

Wie aktiv nehmen Sie heute noch am Marktgeschehen teil?

GdV: Der Markt ist naturgemäß nur noch selten unser Feld. Ich glaube, wir sind eher Sympathisanten, sozusagen „Fürsprecher mit Zugang zum System“.

PM: Das ist nicht so altersmilde wie es vielleicht klingt. Man kann sich damit auch herzlich unbeliebt machen, gerade in Berlin. Mir scheint diese Rolle heute angemessener, auch ehrlicher als das Spiel mit dem großen Geld: Basel, Salzburg, St. Moritz und die Society in der Hochsaison. All die Küsschen. All das „glanzvolle Elend“ – wozu, wenn man es nicht muss? Natürlich hat es was, wenn ein Bild für 5 Millionen Euro nahezu stromlinienförmig über den Tisch geht. Aber irgendwann muss man sich für eine Seite entscheiden, das Leben ist endlich.

Das Gespräch führten Nicola Kuhn und Katrin Wittneven.

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