Kultur : Als Politiker noch Zylinder trugen: die Kanzler der Weimarer Republik

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Wer mehr als drei dieser Männer erkennt, dürfte beste Chancen haben, in Günther Jauchs Fernsehquiz auch die EineMillion-Euro-Frage richtig zu beantworten: Philipp Scheidemann, Gustav Bauer, Hermann Müller, Constantin Fehrenbach, Joseph Wirth, Wilhelm Cuno, Gustav Stresemann, Wilhelm Marx, Hans Luther, Heinrich Brüning, Franz von Papen, Kurt von Schleicher. Die zwölf Herren, die hier so einträchtig von links nach rechts nebeneinander stehen, waren – in dieser Reihenfolge – Kanzler der Weimarer Republik, aber die Erinnerung an sie ist längst verblasst. In die Schulbücher schafften es Scheidemann, weil er am 9. November 1918 von einem Fenster des Reichstages aus die Republik proklamierte, Stresemann, weil er für seine deutsch-französische Versöhnungspolitik den Friedensnobelpreis bekam und Papen, weil er Hitler bei dessen „Machtergreifung“ den Steigbügel hielt. Zuletzt erlebte auch noch Brüning eine gewisse Konjunktur, als ein Berliner Politologe Gerhard Schröders herumeierndes Krisenmanagment polemisch mit dem eisernen Sparwillen des Zentrummannes am Ende der ersten deutschen Demokratie verglich.

Die Geschichte der Weimarer Republik ist eine Geschichte des Scheiterns, und dieses Scheitern liegt wie ein Schatten über den Menschen, die sie repräsentieren. Die Reichskanzler der Zwischenkriegsjahre waren allesamt – mit Ausnahme Papens – Hitler-Gegner, aber Hitler haben sie nicht verhindern können. Das ist die Tragik dieser Männer, die es trotzdem nicht verdient haben, ins Vergessen zu versinken. „Es gibt keinen Anlass für uns Heutige von oben herab auf das gescheiterte Experiment von Weimar zu blicken und schon gar nicht auf die glücklosen Akteure“, sagte Wolfgang Thierse bei der Eröffnung einer Ausstellung im Paul-Löbe-Haus , mit der die Weimarer Kanzler zum ersten Mal umfassend gewürdigt werden. Keiner von ihnen hat der Epoche seinen Namen aufprägen können, in einer Zeit permanenter Wirtschaftskatastrophen und Koalitionskabale regierten die Kanzler meist nur wenige Monate. Dass sich Brüning über zwei Jahre im Amt halten konnte, hatte er Hindenburgs halbdiktatorischen Präsidialerlassen zu verdanken. Man stellt sich die Weimarer Kanzler als gemütliche Honoratioren vor, ältere Herren mit Seehundbärten und Vatermörderkragen. Das Gegenteil ist richtig: Ihr Altersdurchschnitt lag bei 50 Jahren, Joseph Wirth wurde mit 41 ernannt und ist bis heute der jüngste Kanzler der deutschen Geschichte.

Die 720 Fotos, die die Austellung versammelt, stammen zum großen Teil aus dem Familienbesitz der Nachkommen. Wer die Stellwände abschreitet, hat mitunter den Eindruck, in einem privaten Fotoalbum zu blättern. Hermann Müller ist bei einem Automobilausflug mit Gattin zu sehen. Wilhelm Cuno fährt Ski. Wilhelm Marx posiert beim Verlassen eines Wahllokals mit Zylinder für die Fotografen. Heinrich Brüning – übrigens der einzige Reichskanzler ohne Bart – besichtigt einen Eisstollen. Bei Gustav Bauer heißt es: „Fotos aus seinen ersten vier Lebensjahrzehnten sind nicht bekannt.“ Und in einer Vitrine liegt Scheidemanns Rasierer. Die Bilder und Dokumente verströmen eine beruhigende Aura des Alltäglichen. Die Weimarer Republik kannte noch keine Medienkanzler. (chs) Montage: Schaa GmbH C. Neumeister

Deutscher Bundestag, Paul-Löbe-Haus, Konrad-Adenauer-Str. 1 (Mitte), bis 14. März. Mo 8–16, Di–Do 8–17, Fr 8–14 Uhr.

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