Kultur : Als wandernder Fotograf Migranten auf der Spur

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Hunderte von Bauern, gestrandet in Ho-Chi-Minh-Stadt, Vietnam, 1959 geben die Gewohnheit nicht auf, lässig auf Fensterbänken zu lagern, wie in der ebenerdigen Hütte auf dem Land. Migranten sind Wanderer, kaum jemals freiwillige. Vertrieben durch Armut, Angst, Gesetzlosigkeit und manchmal getrieben von Abenteuerdrang, überqueren Millionen von Menschen Grenzen und Ozeane. Ganze Länder entstanden, indem Migranten sie besiedelten, die Vereinigten Staaten, größtes Beispiel, sind das Ergebnis jahrhundertelanger Einwanderung. Mehr und mehr Migranten werden die Zukunft bevölkern. Schon heute sind über hundert Millionen Menschen auf dem Globus unterwegs, die ihr eigenes Land oder ihre Region verlassen mussten, weil die Reispreise fielen, oder weil die politischen Verhältnisse nicht tragbar waren. Die Wirtschaftseliten der Europäischen Union wünschen sich Arbeitnehmer, die zwischen Nordkap und Sizilien leben. Eine neue Weltkultur entsteht. Der aus Indien stammende, britische Philosoph Homi Bhaba beschwört das Recht der Migranten auf Erzählen als Risse heilendes Verfahren. Doch die verfügen haben bisher über die privilegierten Mittel, ihre Geschichten, alte und neue, in erzählte Form zu bringen. Sebastiao Salgado, selbst Kind einer brasilianischen Flüchtlingsfamilie, ist als wandernder Fotograf Migranten auf der Spur. Er nahm sie an Flussufern auf und in Flüchtlingslagern, in Heimen, Zelten, Slums und Häfen. Sein fast vierhundert Seiten starker Bildband (Verlag Zweitausendeins, 99 DM) führt nach Kairo, Manila, Bombay, Istanbul und Bosnien. Wahrscheinlich wird kaum eine Migrantenfamilie diesen Band auf den Küchentisch legen. Er ist für die Anderen gedacht, die reichen Sesshaften, die hier sehen, wovor der Bildschirm des Fernsehens sie vielleicht besser schützt als Salgados Bilder.

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