Kultur : Alt gegen neu

Jörg Königsdorf

bewundert die Dialogfähigkeit der Brandenburger Herreweghe und Harnoncourt sind gerade bei Bruckner angelangt, Jos van Immerseel spielt mit Tschaikowskys „Nussknacker“, und Bruno Weil hat den Staub von Wagners „Fliegendem Holländer“ geklopft – eilig bahnen sich die Helden der historischen Aufführungspraxis ihren Weg durch das 19. Jahrhundert. Auch beim „großen“ romantischen Repertoire stellen sie die unbequeme Frage, wie viel von dem, was wir als Tradition verehren, nichts anderes als Schlamperei ist. Immer breiter wird dabei freilich auch die Kluft zwischen den Darmsaiten-Revoluzzern und dem „normalen“ Repertoirebetrieb: Denn live zu hören sind diese Neuinterpretationen so gut wie nie, obwohl sie via CD die Hörgewohnheiten einer ganzen Klassikhörer-Generation verändert haben. Bestes Beispiel sind die Sinfonien Beethovens: Vor über zehn Jahren stürmten Gardiner und Norrington mit ihren Gesamtaufnahmen die Klassik- Charts, doch erst jetzt trauen sich zwei Konzertveranstalter, einen „originalen“ Zyklus auch live anzubieten. Während sich in Essen Christoph Spering und „Das neue Orchester“ auf die Suche nach dem unverfälschten Beethoven begeben haben, haben die Neubrandenburger Philharmonie und das Berliner Concerto Brandenburg ein noch außergewöhnlicheres Projekt auf die Beine gestellt: In der Reihe „Aufführungspraxis im Dialog“ stellen sie jeweils eine konventionelle und eine historisierende Interpretation derselben Sinfonie einander gegenüber. Gestern stand in der zur schmucken Konzerthalle ausgebauten Neubrandenburger Marienkirche die „Siebte“ zur Debatte, am Montag wird sie das Konzert des Ensembles in der Kreuzberger Heilig-Kreuz- Kirche beschließen. Vorweg gibt es allerdings keine Vergleichsversion auf modernen Instrumenten. Aber „normalen“ Beethoven gibt es in Berlin ja auch sonst genug.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben