Alt-J im Funkhaus Nalepastraße : Kaltblütig verknotet

Die britische Indierock-Band Alt-J stellt ihr Album „Relaxer“ im Funkhaus Nalepastraße vor.

Alt-J in Aktion. Das neue Album heißt "Relaxer".
Alt-J in Aktion. Das neue Album heißt "Relaxer".Foto: José Sena Goulao/dpa

Ist das weit. Wer ins Funkhaus an der Nalepastraße strebt, der wähnt sich schon nicht mehr in Berlin. Industriebauten prägen die schnurgerade Straße, auf die Tram nach Oberschöneweide wartet man ewig. Doch dann, im Großen Sendesaal des einstigen DDR-Funkhauses, versteht man, weshalb Alt-J sich diesen Ort für ihr Konzert ausgesucht haben: Er wirkt mit seinen Orgelpfeifen und dem Stuck an den Wänden, den 70er-Jahre-Deckenlampen und den hölzernen Sitztreppen ebenso aus der Zeit gefallen wie die Musik der britischen Band.

Anlass ist das jüngste Album „Relaxer“. Drei Jahre nach den Songs von „This Is All Yours“, mit denen Alt-J im Frühjahr 2015 den New Yorker Madison Square Garden mit immerhin 20 000 Plätzen füllten, führt sie die aktuelle Tour von Berlin nach London über Chicago bis in das norwegische Trondheim – und überall sind die Auftritte ausverkauft. Eine banale Mehrzweckhalle, die mehr Fans fassen könnte, kommt für Joe Newman, Gus Unger-Hamilton und Thom Green trotzdem nicht infrage. Die Band bleibt sich treu bis in die Details ihrer komplexen, mehrstimmigen Gesang mit akustischen Gitarren, Percussion und elektronischen Beats verknotenden Songs.

„3WW“, der erste des Albums, schert etwas aus. Er beginnt instrumental, bevor nach mehr als einer Minute Newman zu singen beginnt und noch später die Streicher des London Metropolitan Orchestra einsetzen. Den Kontrast liefert danach „In Cold Blood“ mit Bläsern und einem Keyboard, das einen sofort ins Alt-J-Universum holt. Zurück zu Klassikern wie „Breezeblocks“ oder „Tessellate“. Und ganz sicher rechnet das Publikum im Lauf des Abends mit den greatest hits des Trios, die jeder mitsingen kann. Aber müssen Alt-J sie deshalb gleich nach den ersten beiden Tracks des neuen Albums rauf und runter spielen?

Die Berliner Band Lea Porcelain ist absolut funkhausaffin

Dem eigenen Auftritt haben sie Lea Porcelain vorgeschaltet. Eine Band aus Berlin – jung, sympathisch und absolut funkhausaffin. Gerade haben sie hier in den Studios ihr Debütalbum „Hymns to the Night“ aufgenommen. Der Respekt vor dem eleganten Bau, seiner Akustik und den technischen Möglichkeiten hallt in den Ansagen von Julien Bracht noch nach. Ein halbes Dutzend Stücke spielen Lea Porcelain, und nicht nur die schwarzen Anzughosen versetzen einen zurück in die Post-Punk-Ära. Auch die Songs klingen wie kompiliert aus Fragmenten von Joy Division und Killing Joke. Dass sie Texte von Novalis nutzen, lässt sich nachlesen, zu verstehen war es kaum. Trotzdem passt ihr allerfreundlichst aufgenommener Auftritt: Auch das Duo frickelt mit Synthesizern und elektronischen Klängen.

Die intime Atmosphäre und der tolle Sound mögen ihren Anteil am Jubel haben. Die Bühne jedoch ist nicht ganz einfach, denn Lea Porcelain stehen ebenso wie kurz darauf Alt-J weit unten im Raum in der Mitte der hölzernen Arena. Nur Joe Newman dreht sich ab und zu um die eigene Achse. Wer spät gekommen ist und im Rücken der Band Platz nehmen muss, hat nur Sicht aufs Publikum und die Rücken von Green und Unger-Hamilton. Fast fühlt man ein bisschen mit dem Trio, das auch nach dem Best Of der ersten halben Stunde unverdrossen weiter ohne „Relaxer“ macht. „Hit Me Like That Snare“ erklingt am Ende doch noch auf die Bühne. Ein Song wie den Klassiker „House Of The Rising Sun“, den Alt-J für ihr neues Album gecovert haben, bleibt ungespielt. So stellt sich am Ende des gut 80-minütigen Auftritts der Eindruck ein, dass die Band ihrer jüngsten Veröffentlichung ebenso wenig traut wie die zahlreichen Kritiker, die das Werk als das schwächste bislang empfinden. Ist das schade!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben