Kultur : Alt und klug

Hamburger Aufführungen von Zadek und Thalheimer

Katrin Ullmann

Der Anfang ist Schweigen. Still sitzen sie vorne auf einem Holzpodest: Ophelia, Claudius, Gertrud, Hamlet, Polonius und Laertes. Sie gucken misslaunig. Nur Gertrud (großartig: Victoria Trauttmansdorff) freut sich: an ihrer neuen Liebe, an Claudius, dem Bruder und Mörder ihres jüngst verstorbenen Mannes. Die Minuten verstreichen, ohne dass etwas passiert. Bis Claudius (Felix Knopp) sich die blutrote Krone aufsetzt.

Dieses ruhige tableau vivant ist Anfangs- und Schlussbild von Michael Thalheimers „Hamlet“–Inszenierung am Thalia Theater in Hamburg. Sein „Hamlet“ ist konzentriert, sprachlich genau gearbeitet. Thalheimeruntypisch währt diese Inszenierung drei Stunden, thalheimertypisch kommt sie mit wenigen Bühnenmitteln aus. Ein flaches Holzpodest (Bühne: Henrik Ahr) ist der Hauptspielort inmitten eines leeren schwarzen Raumes. Hans Löw als Hamlet ist absolut brillant. Zeitgemäß grau-schwarz gekleidet (Kostüm: Barbara Drosihn), mit hängenden Armen und Schultern in die Ferne schauend, nachdenklich, fragend, zweifelnd. So reduziert wie grandios spielt Löw einen unglaublich menschlichen Dänenprinzen. Norman Hacker als Polonius dagegen spreizt sich im Gesten- und Fingertheater und doziert in unterhaltsamen, wenn auch etwas langatmigen Soloszenen.

Thalheimers Inszenierung ist ästhetisch und klug. Sie wird bejubelt und gefeiert. Doch wie werden Thalheimers Inszenierungen aussehen und rezipiert, wenn er 81 Jahre ist? Wird aus dem Jubel dann höfliche Huldigung? Peter Zadek ist 81 und inszeniert noch immer. Seinen Salzburg-Beitrag „Was Ihr wollt“ musste er letztes Jahr wegen einer schweren Erkrankung absagen. Doch nun hat der Unermüdliche am St. Pauli Theater seinen ersten Pirandello auf die Bühne gebracht. „Nackt“ heißt das selten gespielte Stück von 1922. Das Kindermädchen Ersilia Drei (Annett Rennberg) wird von dem Schriftsteller Nota (Friedrich-Karl Praetorius) nach einem Suizidversuch betreut, aus Mitgefühl, vor allem aber aus schriftstellerischer Ambition. Denn das junge Elend im hellblauen Nachthemdkleid (Ausstattung: Karl Kneidl) hat auch eine abgesagte Hochzeit, eine Anklage zum Kindsmord und eine fristlose Kündigung überlebt.

Ihr Leben ist idealer Stoff für einen Roman. Doch dann kommt Nota ein Journalist in die Quere, an den Ersilia ihre Geschichte verkauft. Martin Pawlowsky spielt diesen Journalisten erfrischend kantig. Mit ihm wird die staubtrocken erzählte Geschichte kurzzeitig lebendig. Doch leider zerknüllt er wenig später seinen Hut auf dem Boden, während Annett Rennberg geschmeidig in Ohnmacht fällt. Kein Klischee, von der handfesten Pensionswirtin (Brigitte Janner) über das glutäugige Zimmermädchen (Carla Riveros Eissmann) bis hin zum schlohweiß-seriösen Konsul (Friedhelm Ptok) bleibt in dieser Aufführung außen vor, kein Gefühl, keine Träne verliert sich im Ungefähren.

Peter Zadek stellt Geschichte und Figuren so ungebrochen dar, dass die Spannung bald verloren ist. Ein all zu redseliges Stück bringt er konventionell auf die Bühne. Milde zu bewertendes Alterswerk oder künstlerisches Versehen? Das Publikum quittiert die Aufführung höflich.

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