Kultur : Alte Liebe räuspert sich Montserrat Caballé

in der Philharmonie

Frederik Hanssen

Wenn Montserrat Caballé dereinst auf den Flügeln des Gesanges in den siebten Bühnenhimmel entschwebt, werden in den Nachrufen zwei Dinge stehen: zum einen, dass sie eine der größten Sopranistinnen des 20. Jahrhunderts war, in ihren besten Zeiten auf Augenhöhe mit Maria Callas und Renata Tebaldi. Zum anderen aber auch, dass sie den rechten Moment zum Aufhören verpasste. Ihre besten Zeiten nämlich, so kann man bei Stimmenkennern wie Jens Malte Fischer nachlesen, liegen vier Jahrzehnte zurück. Wenn sich am Donnerstag in der Philharmonie das Publikum am Ende erhebt wie ein Mann, dann können diese standing ovations nur dem Lebenswerk der mittlerweile 74-jährigen Diva gelten. Denn von ihrer Wunderstimme, der stupenden Pianissimokultur, den süßen Sphärenklängen ist nichts geblieben. Fünf, sechs Töne in der Mittellage sprechen noch mühelos an, dann wird es eng und scharf, lange Noten verwackeln, schnelle Tempi sind gar nicht mehr drin.

Natürlich ist Montserrat Caballé eine Interpretin mit immenser Erfahrung, rezitativische Passagen gestaltet sie immer noch faszinierend, ihre Repertoirebreite beeindruckt. Der Geist ist willig, aber die Stimmbänder sind schwach. Das weiß sie selber natürlich am besten – und wählt darum vor allem Abseitiges, den Barockkomponisten Piccini statt Puccini, französische Salonmusik, spanische Zarzuelas. Damit schließt sie das Risiko aus, dass jemand ihre Versionen mit anderen vergleichen könnte, womöglich gar mit ihren eigenen Aufnahmen aus goldenen Zeiten. Mit einigen Stücken von Brahms dagegen wagt sie sich auf glattes Parkett. Ihr Charme allerdings, ihre enorme Bühnenpräsenz sind zum Glück ganz unvergänglich. Die Leute jubeln also, Caballé singt als Zugabe ein Schweizer Volkslied – und erinnert damit daran, dass sie ihr erstes Engagement 1956 in Basel bekam.

Dieses Konzert erzählt auch von der Grausamkeit des internationalen Klassik- Business: Wenn Anna Netrebko auftritt, die Caballé von heute, sitzt ein Orchester auf der Bühne, und das Programmheft kommt eleganter daher als das feinste Hochglanzmagazin. Montserrat Caballé hat nur noch ihren getreuen Klavierbegleiter Manuel Burgueras zur Seite, und die Liedfolge steht auf einem fotokopierten Zettel. Frederik Hanssen

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