Kultur : Alte Meister: Den schlafenden Kriegsgott wecken

MK

Zu spüren ist es schon lange, doch jetzt wird es zur Gewissheit: Das Auktionshaus Bassenge verlegt seinen Schwerpunkt immer mehr auf die alte Kunst. Zur bevorstehenden Herbstauktion erscheint erstmals eine gesonderte, großzügig gestaltete Publikation, die sich einer kleinen Anzahl ausgewählter Druckgrafiken des 16. bis 18. Jahrhunderts widmet. In ihr sind die einzelnen Blätter mit einer Sorgfalt beschrieben und erläutert, wie es in den anderen Katalogen mit dem umfangreichen, breit gefächerten Angebot unmöglich ist. Man sieht, hier, in der alten Kunst, liegen nicht nur die Stärken, sondern auch die besonderen Neigungen des Hauses.

Zu den ausgewählten Werken zählen neben veritablen Kostbarkeiten auch Arbeiten, die aufgrund ihrer Ungewöhnlichkeit und Eigenart besonderes Interesse verdienen, darunter zwei subtile Landschaftsradierungen im Oval aus dem späten 18. Jahrhundert, die zu den frühesten Beispielen der Aquatinta-Technik in Deutschland gehören (Taxe zusammen 3500 Mark). Typisch für den eher robusten niederländischen Manierismus sind die berühmten Kupferstiche Jan Harmenz Mullers zur "Erschaffung der Welt" nach Hendrick Goltzius (1590), deren komplette Folge 45 000 Mark kosten soll. Eleganter erscheinen die Arbeiten aus dem Kreis der Schule von Fontainebleau, von denen einige wundervolle Beispiele zu haben sind. Wohl am schönsten ist die fast skulptural wirkende Darstellung von "Venus und Mars" von Leon Davent, bei der sich die Liebesgöttin in unübertrefflicher Anmut dem schlafenden Kriegsgott nähert. Mit einem Schätzpreis von 75 000 Mark ist die Radierung, die in einem äußerst seltenen Druckzustand vorliegt, das teuerste Blatt der ganzen Veranstaltung.

Der Manierismus ist in diesem Jahr glänzend verteten. Nur wenige Künstler pflegten einen so überzüchteten, luxuriösen Figurenstil wie Jacques Bellange, dessen Radierung der "Drei Heilige Frauen" an Sinnlichkeit kaum zu überbieten ist (28 000 Mark). Zwischen ihm und den "Brücke"-Malern Ernst Ludwig Kirchner und Karl Schmidt-Rottluff liegen nicht nur Jahrhunderte, sondern auch Welten. 1909 schufen die beiden Künstler die 4. Jahresmappe der "Brücke"-Vereinigung, die eines der Hauptlose innerhalb der Moderne darstellt (Taxe 60 000 Mark). Eine Rarität ist auch das abstrakte, farbintensive Aquarell "Welten" des "Sturm"-Malers Johannes Molzahn von 1918, das mit mutigen 45 000 Mark beziffert ist.

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