Kultur : Alte Meister, freie Geister

Heute erscheint die erste autorisierte Biografie des Dirigenten Claudio Abbado

Frederik Hanssen

Als Christian Förschs Abbado-Biografie vor fast zwei Jahren erschien, gab es einen ausgemachten Skandal. Per einstweiliger Verfügung ließ Abbados Anwalt Peter Raue dem Henschel Verlag damals die Auslieferung des Buches untersagen. Wer das Opus schon in der Hand gehabt hatte, konnte die Wut des Porträtierten verstehen: Mehr als die sachlichen Fehler, die vor Gericht geltend gemacht werden konnten, gaben die rhetorischen Volten und Unterstellungen Anlass zum Ärger, mit denen Försch dem Dirigenten Raffgier und eiskaltes Karrieredenken unterstellte.

Eines konnte man Förschs Buch allerdings nicht absprechen: Es las sich äußerst spannend. Von jener Aufsatzsammlung, die nun nachträglich zum 70. Geburtstag des Maestro im Nicolai Verlag erscheint, lässt sich das nicht unbedingt behaupten. Zwar ist nach dieser Vorgeschichte verständlich, dass man jetzt auf Nummer Sicher gehen wollte und Claudio Abbado von Anfang an mit in das Projekt einbezog. Ebenso verständlich ist, dass bei dieser Vorgehensweise zwangsläufig eine Hagiografie entstand. Dennoch wäre das Lesevergnügen ein weitaus größeres, wenn die Autoren sich weniger aufs Referieren von Daten, Zahlen und Fakten konzentrieren würden und wenn statt langatmigen Aufzählungen der Projekte des Dirigenten seine Visionen und Kämpfe gegen konservative Köpfe mehr im Mittelpunkt stünden.

Selbst der größte Abbado-Fan interessiert sich nicht für alle Details des Mahler-Festivals in London 1985 oder sämtliche Auftritte Abbados in Edinburgh. Und auch seine Themen-Zyklen mit den Berliner Philharmonikern hätte man nicht auf 22 Seiten ausbreiten müssen – jedenfalls ist das Ergebnis weitgehend eine reine Aufzählung des Vergangenen, angereichert mit Zitaten aus den Gesprächen, die Lidia Bramani 1997 mit Abbado führte (und die im Frankfurter Alex-Dielmann-Verlag vorliegen).

Von Lothar Knessl, der Abbados Wiener Jahre von 1986 bis 1991 beschreibt und dabei immerhin eine Charakterstudie des Künstlers versucht, erfährt der Leser leider nicht, in welcher Funktion er zum „Weggefährten“ Abbados wurde. Lediglich Hans Landesmann, der über eine Herzensangelegenheit Abbados – nämlich das Gustav Mahler Jugendorchester – schreibt, legt in seinem Beitrag emotionale Beteiligung an den Tag: eben jene, die auch den Umgang des Dirigenten mit dem Nachwuchs prägt.

Der Blick des Europäers

Als Claudio Abbado die Nachfolge Herbert von Karajans bei den Berliner Philharmonikern antrat, kam er in das frisch vereinte Berlin, in eine Stadt, die keine Grenzen mehr kennen wollte und die nach einer neuen Generation Ausschau hielt, so wie auch der bekennende Zentraleuropäer Abbado dies immer getan hat. Nach dem Scheitern des Jungautors Försch ist es nun doch einem Hauptvertreter des alten Westberlin zugefallen, diese definitive (weil autorisierte) Biografie herauszugeben. Ulrich Eckhardt, langjähiger Leiter der Berliner Festspiele, präsentiert sich in seinem (mit Zitaten aus dem Tagesspiegel-Interview zu Abbados Abschied durchsetzten) Aufsatz denn auch als Bildungsbürger der alten Schule.

Das Lächeln des Musikflüsterers

Zweifellos ist Eckhardt ein intimer Kenner von Abbados Ideenwelt, und der aufmerksame Leser kann des tieferen Sinnes seiner verbalen Fiorituren auch teilhaftig werden. Dennoch wird die Eloge dem ganz und gar nicht altmeisterlich auftretenden Maestro nur bedingt gerecht. Ebenso wie eine angehängte Erzählung von Irene Dische, in der sich ein namenloser Dirigent sehr für Rap-Musik interessiert und versucht, mit einem Teenager Kontakt aufzunehmen, den es seinerseits allerdings nach New York zieht. Die Texte hat sich Frau Dische beim Rapper L.D.B. ausgeliehen, der Rest klingt wie eine jener emotional korrekten Geschichten, die man schon als Jugendbuchleser nicht ausstehen konnte.

Am meisten kann man über Claudio Abbado lernen, wenn man die 60 Abbildungen des Buches betrachtet. Wer in das Gesicht des blutjungen Dirigenten blickt, dem wird sofort klar, warum seine größten Fans stets versuchen, einen Sitzplatz im Konzertsaal zu ergattern, der es ihnen ermöglicht, Abbado von vorne zu sehen: Während der Aufführung erzählen dessen Züge unendlich viel über seinen Zugang zur Musik.

Jene Fotos, auf denen er mit Peter Stein oder Alfred Brendel, mit Luigi Nono, Andrej Tarkowskij oder Ruth Berghaus zu sehen ist, zeugen davon, dass er sich stets zu den sensiblen Intellektuellen hingezogen fühlte. Und die „Pace“-Fahne auf der Bühne bei einem Konzert mit dem Mahler Chamber Orchestra während des Irakkriegs wird zum stummen Zeichen seiner politischen Haltung. Schade, dass dem Leser die Erklärungen unter den Bildern vorenthalten werden, so dass er jedes Mal bis auf Seite 197 blättern muss, um zu erfahren, wann das Foto entstanden ist. Leider sind die Seitenangaben dort dann weitgehend falsch.

Die Skandal-Biografie von Christian Försch ist übrigens nie in überarbeiteter Version erschienen – dafür aber sein Roman „Unter der Stadt“, dessen Inhaltsangabe sich wie eine verschlüsselte Nacherzählung seines Casus Abbado liest: Ein ehemaliger Italienisch-Student (!) hat in Berlin (!) seinen Freund hinterrücks ermordet (!). Dafür muss er vier Jahre in den Knast.

Ulrich Eckhardt (Hg.): Claudio Abbado. Dirigent, Nicolai Verlag, Berlin. 198 S., 24,90€; in der 1. Auflage mit CD .

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