Alte Musik beim Musikfest Berlin : Mit dem Willen zur Verführung

Die feine Leidenschaft der Sunhae Im: Beim Benefizkonzert im Rahmen des Musikfests Berlin überzeugt die Sopranistin gemeinsam mit der Akademie für Alte Musik.

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Die Musikerinnen und Musiker der Akademie für Alte Musik Berlin.
Die Musikerinnen und Musiker der Akademie für Alte Musik Berlin.Foto: Uwe Arens / Musikfest

Alte Musik und das Entwickeln von tragfähigen Zukunftsvisionen – geht das zusammen? Der IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs) meint ja: Er hat sich nämlich zu seinem diesjährigen Benefizkonzert im Rahmen des Musikfests Berlin neben der Akademie für Alte Musik auch den Gründer des World Future Council, Jakob von Uexküll, in den Kammermusiksaal geladen. Der zitiert erst einmal Sokrates: „Wer etwas Dauerhaftes schaffen will, soll entweder Gedichte schreiben oder Gesetze.“ Und führt dann aus, wie seine Organisation unter anderem durch das Prämieren von „guten Gesetzen“ unsere Lebensgrundlagen für künftige Generationen zu erhalten und damit diesen Generationen schon jetzt eine Stimme im politischen Prozess zu geben versucht.

Dann aber machen sich die Musiker erst einmal daran, zunächst den Alten ihre Stimme zurückzugeben – und die Zuhörer können philosophieren: War der musikalische Regelverletzer und Opernmiterfinder Claudio Monteverdi, dessen Musik mit Werken einiger seiner unmittelbaren Zeitgenossen und Nachfolger erklingt, wirklich der „Revolutionär“, als den ihn die Website des Musikfests bezeichnet? Wenn man an die schneidende Herbheit denkt, mit der Sunhae Im den Beginn seines „Lamento d’Arianna“ gestaltet, könnte man das für einen kurzen Augenblick meinen. Und doch machen die Sopranistin und ihre Begleiter nicht den Fehler, Monteverdi zu einem Beethoven des 17. Jahrhunderts zu stilisieren oder seiner Musik einseitig einen umstürzlerischen Impetus aufzuzwingen.

Entwicklung einer neuen musikalischen Grammatik

Gerade Sunhae Ims Ausdruck bleibt bei aller Leidenschaftlichkeit immer fein: Im Ohr klingen so vor allem die doppeldeutigen Momente nach, in denen sich in das bittere Aufbegehren der von ihr verkörperten Frauengestalten gegen Schicksal und untreue Männer ein deutlicher Unterton von Koketterie und Verführungswille mischt. Gleichwertig neben der Sängerin stehen die Instrumente, deren Parts sich im 17. Jahrhundert emanzipierten: Geiger Bernhard Forck und seine Mitstreiter der Akademie für Alte Musik wissen dabei nicht nur wie Sunhae Im Triller in ausdrucksvolle kleine Schluchzer zu verwandeln. Die kurzen, aber oft immens vielgestaltigen Instrumentalstücke eines Alessandro Stradella oder Johann Rosenmüller vermitteln auch die Freude, die spielerische Entwicklung einer neuen musikalischen Grammatik live nachzuvollziehen.

Sendung des Konzerts am 10. September ab 20.03 Uhr im Deutschlandfunk Kultur.

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