Kultur : Alte-Musik-Szene: Sonor vibriert die Schalmei, leise schnarrt die Drehleier

Carsten Niemann

Die Alte-Musik-Szene in Berlin muss sich berappeln. Die Friedenauer Kammerkonzerte hatte man mit Mühe gerettet, der Schock über die Einstellung der Barockopern-Reihe an der Staatsoper ist noch nicht ganz verwunden. Um so wichtiger, dass ein Festival wie die am Donnerstag beginnenden "Berliner Tage für Alte Musik" nicht auch noch wackelt. Denn ein Mal jährlich im Herbst präsentiert sich hier rund um den Gendarmenmarkt eine ganz besondere Musikszene - aus eigener Kraft und ohne strukturelle Förderung. Die Zahl der Konzerte hat zwar im Vergleich zu den Vorjahren abgenommen, doch dafür verspricht das Programm Qualität in konzentrierter Form.

Einem ist ein Schwerpunkt in diesem Jahr überall sicher, wo auf Festivals Darmsaiten gestrichen werden: Johann Sebastian Bach. Ihm huldigen Mitglieder einer Musikerfamilie, die auf dem Wege ist, es an Verzweigtheit und Untentbehrlichkeit für die Alte-Musik-Szene mit der des Thomaskantors aufzunehmen. Am Samstag Nachmittag ist Barthold Kuijken im Konzerthaus auf der Traversflöte mit Musik von Bach und Zeitgenossen zu hören. Im Nachtkonzert folgt ihm Bruder Wieland Kuijken (Viola da Gamba) und er wird dabei zugleich den neuen Kuijken der Saison präsentieren, seinen Sohn Piet nämlich, der sich als Begleiter und Solist auf dem Cembalo vorstellt.

In den Konzerten des zweiten Programmschwerpunkts geht es um Musik und Politik, Anlass ist der 500. Geburtstag Karl des Großens. Er wird mit leichten Tänzen und gewichtigen Staatsmotetten gefeiert und ihm gilt auch das erste Konzert des Ensembles "Les haulz et les bas": Am Freitag, stellen die Musiker, auf Schalmei, Zink, Pommer, Dudelsack und Zugposaune blasend und bizarres Schlagwerk hämmernd, das Leben des mächtigen Habsburgers zu Bildprojektionen vor. Am Samstag tut man sich dann mit dem zum ersten Mal in Berlin zu hörenden Sängern des Ensembles Gilles Binchois zusammen. Es geht um die musikalische Rekonstruktion eines der schrillsten Feste des christlichen Abendlandes: des legendären Fasanenfests, bei dem Philipp der Gute von Burgund Anno 1454 die Mächtigen seiner Zeit zum Kreuzzug aufrief und die burgundische Hofkapelle in einer Pastete auftreten ließ.

Herzstück des Festivals ist ein Musikinstrumentenmarkt im Konzerthaus mit über 90 Ausstellern aus Europa und den USA. Dort können sich nicht nur die Profis und Freaks der Alten-Musik-Szene mit Instrumenten und seltenen Noten eindecken, auch der Laie hat Gelegenheit, reich verzierte Cembali zu bewundern, einen respektvollen Blick auf exotisch gewundene, sonor vibrierende Serpente zu werfen oder vielleicht sogar ein Mal an der Kurbel einer schnarrenden Drehleier zu drehen.

Der Unterstützung der Aussteller können sich die Veranstalter wohl auch im nächsten Jahr sicher sein, vielleicht heißt ja dann der Schwerpunkt "Musik und Markt". Der Kulturpolitik kommen die Organisatoren dagegen napoleonisch mit einem hintergründigen Zitat: "Die Musik" habe der große Bonaparte während des Italienfeldzuges an seine Regierung geschrieben, "ist von allen schönen Künsten diejenige, die den größten Einfluß auf die Affekte hat und deswegen von den Behörden besonders bevorteilt werden sollte."

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