Kultur : Alte Schätze, neue Bühne

NICOLA KUHN

"Bilder, schöne Bilder", preist eine Stimme mit italienischem Akzent aus dem Off an. Und wenn man der Geschichte glauben will, dann müßte sie von dem jungen Jahrmarktverkäufer stammen, der neben einem Packesel steht, aus dessen Tragetaschen nur so die Bilderbogen hervorquillen. So oder ähnlich muß sich die Verbreitung bestimmter Bildmotive im 19. Jahrhundert vollzogen haben. Im gestern eröffneten Museum Europäischer Kulturen wird sie als kleine Szenerie noch einmal nachgestellt. Bilder, schöne Bilder will auch dieser jüngste Sproß der Staatlichen Museen zu Berlin präsentieren und zugleich dem Motto seiner ersten Ausstellung gemäß "Kulturkontakte in Europa" darstellen.

Der bislang eher im Verborgenen - bezeichnenderweise in der Dahlemer Straße "Im Winkel" - schlummernden Einrichtung ist mit dieser Schau ein Doppelschlag gelungen: Die aus einer Vereinigung des Museums für Volkskunde sowie der europäischen Sammlungen des Museums für Völkerkunde hervorgegangene neue Institution stellt sich durch die vollkommene Neugestaltung der Räume mit Aplomb der Öffentlichkeit vor, gleichzeitig beweist sie durch ihre hochinteressante erste Ausstellung die Stichhaltigkeit dieser Fusion. So mancher Besucher wird sich im Anschluß mit Verwunderung fragen, warum es überhaupt so lange gedauert hat, bis sich ausgerechnet im Bereich Völkerkunde die europäische Einigung vollzog. Blättert man in der Entstehungsgeschichte, so staunt man ohnehin, daß die West-Berliner erst 1992 bei der Vereinigung mit ihrem Ost-Berliner Pedant den noch von 1934 / 35 stammenden Titel "Museum für Deutsche Volkskunde" ablegten.

Vorbei, der Neubeginn, an dem seit vielen Jahren geplant und gefeilt wurde, ist schließlich gemacht. Und dennoch nennen die beiden Macherinnen, Erika Karasek und Elisabeth Tietmeyer, den Umbau eines Flügels des Geheimen Staatsarchivs in 17 000 Quadratmeter Ausstellungsfläche für 5,2 Millionen Mark nur einen ersten Schritt, ein "Pilotprojekt" gar. Sie träumen letztlich vom Umzug in ein eigenes Haus am Kemperplatz, in baulicher Einheit mit dem Kunstgewerbemuseum, wie Generaldirektor Wolf-Dieter Dube bei der gestrigen Pressekonferenz als Vision formulierte. Für einen Museumsbenjamin sind das gewaltige Pläne, doch die erste Schau verleiht diesem Anliegen Nachdruck. In Zeiten sich auflösender Grenzen, zugleich aber wieder aufkeimender Nationalismen ist es umso dringender nötig, mehr darüber zu erfahren, woher unsere kulturellen Vorstellungen und Werte stammen, wieviel wir den Nachbarnationen zu verdanken haben.

Das Museum der europäischen Kulturen macht dies auf eine ebenso eingängig-spielerische wie seriös-wissenschaftliche Weise anschaulich. Erwachsene wie Kinder kommen hier auf ihre Kosten, indem sowohl Mitmachen als auch aufmerksames Vergleichen, eindringliches Studieren gefordert sind. Bis zu dem kleinen Jahrmarktverkäufer mit seinen Bilderbögen ist es schließlich noch ein gutes Stück Wegs - beginnend bei Altargemälden und religiösen Tapisserien des 15. Jahrhundert bis zu den digitalen Spielereien heutiger Zeit. Und dennoch setzte der Bilderboom viel früher ein, als uns Kritiker des Medienzeitalters weismachen wollen. Mit der Erfindung der Lithografie im 19. Jahrhundert kursierten innerhalb kürzester Zeit bestimmte Bildmotive in ganz Europa, die zuvor eher zögerlich über Kaufleute und herumziehende Handwerker Verbeitung fanden. Zu den kuriosesten Beispielen gehören da wohl jene Taschentücher britischer Wanderburschen mit Napoleons Niederlage als Motiv, die plötzlich auch in Deutschland Mode wurden. In dieser Frühphase waren Spanschachteln, Ofentüren, Zierkacheln, Schrankpaneele, Sticktücher beliebte Bildträger, bevor sie im 19. Jahrhundert als Drucksache endgültig zur Massenware wurden. Ein kleiner Schritt nur ist es von dort zu den Guckkasten- und Panoramabildern der Jahrmärkte, zu Fotografie und schließlich Film, dem sogar ein kleines historisches Kino eingerichtet wurde.

So kurzweilig und lehrreich der historische Abriß im oberen Geschoß des Sandwich-artigen Museums ist, das seine Schätze auf zwei jeweils 75 mal 13 Meter großen Raumschläuchen ausbreiten kann, so interessant und anregend bleibt auch der zweite Ausstellungsteil, der sich dem Verhältnis zum Bild am Beispiel der Religionen, bildungsbürgerlicher Repräsentativität und der Darstellung des Fremden widmet. Natürlich wirkt es wie ein wüstes Gemisch, wenn auf wenigen Quadratmetern das jüdische Bilderverbot, royalistischer Nippes in Gestalt von Sammeltassen mit Queen-Konterfei und schließlich Ritzzeichnungen der Sami gezeigt werden. Und doch fügt sich alles zur "Faszination Bild" und einem gelungenen Einstieg des Museums Europäischer Kulturen in die an Ausstellungshäusern wahrhaftig nicht arme Museumslandschaft Berlins.

Museum Europäischer Kulturen, Im Winkel 6/8, Dienstag bis Freitag 10-18 Uhr, Sonnabend, Sonntag 11-18 Uhr. Katalog (Unze-Verlag, Potsdam) 58 Mark.

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