Kultur : Alte Werte

Flops und Rekorde: Londons Auktionen

Wir sind die Flut der Rekorde ja nun gewöhnt. Auch diesmal konnte Christie’s Europa-Präsident Jussi Pylkännen nach den Londoner Contemporary Auktionen wieder melden: „Der Kunstmarkt ist auf allen Ebenen stabil.“ Er rühmte die Zahl der Käufer, ihr Engagement (also die Tiefe ihrer Taschen) und ihre wahrhaft globale Zusammensetzung.

Kunst für über 684 Millionen Euro wurde verkauft. Es gab Spitzenpreise für Bacon und Lucian Freud, Rekorde für Frank Auerbach, Gilbert& George, Jeff Koons und Richard Prince. Der Contemporary Markt ist nach Sotheby’s Statistik im ersten Halbjahr 2008 um 46 Prozent gestiegen. Aber wie sieht die Sache aus der Froschperspektive aus, wenn man nicht nur auf Superpreise starrt? Als die Auktionsserie bei Phillips de Pury mit der jüngsten Kunst begann, fanden über ein Drittel der Lose keine Käufer. In der Tagauktion waren es nach Wert sogar 50 Prozent. Bei Christie’s lag die Rückgangsquote in der Tagauktion bei 33 Prozent.

Milliardäre und Rohstoffgewinnler, die Geld im Kunstmarkt parken, weil es an den Finanzmärkten nicht mehr läuft, gehen auf Nummer sicher. Die Zeit der Saatchis, die kühn aufs Neue und Junge spekulierten, ist vorbei. So werden die toten Künstler nun den Lebenden vorgezogen, das Teuere dem Billigen, Gefälliges dem Schwierigen. Nicht schrulliger Individualismus zählt, sondern der Erkennungswert globaler Markenkunst aus den großen Künstlerfabriken. Wer Cobra-Kunst aus den fünfziger Jahren oder die zweite Reihe der École de Paris mit zu hohen Taxen ins Rennen schickt, wird bittere Enttäuschungen erleben.

Auch an der Spitze gab es Unfälle. Francis Bacon ist der Künstler des Jahres. Sein Selbstporträt kostete 17 Millionen Pfund, obwohl es eigentlich eine langweilige Routinearbeit war. Bei Sotheby’s wollten alle das kleine Selbstporträt von Bacons Lover George Dyer haben, das dann auf 13 Millionen Pfund kletterte. Aber bei der verdrehten Figur, die mit zehn bis 15 Millionen Pfund bei Sotheby’s am teuersten hätte werden sollen und dem Wesenskern von Bacons Werk am nächsten kam, rührte sich kein Finger. Das wird nächste Woche anders, wenn die Altmeister drankommen. Vorhersehbar sind Spitzenpreise für neu entdeckte Werke von Frans Hals und Jean-Antoine Watteau. Aber wenn in Christie’s Tagauktion der Fürst von Liechtenstein 30 Werke aus altem Schloss inventar verkauft, Nachahmerwerke, Kopien, Abgeschabtes und Vergessenes, dann wird es spannend. Hier sind nicht große Geldbeutel, sondern selbstbewusste Augen und Kennerschaft gefragt.

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