Kultur : Alte Wunden brechen auf

Hartmut Krug

Dresdens Intendant Dieter Görne war kein IM - doch es gibt andere heikle FälleHartmut Krug

Der Herr vom Ministerium des Inneren kam meist Freitag nachmittags ins Theater, wenn nur wenige Mitarbeiter im Hause waren. Sein stets vorher angemeldeter Besuch erfolgte in regelmäßigen Abständen. Jedem war klar, warum er kam. Sein Besuch gehörte zum realsozialistischen Arbeitsalltag am Theater, und an manchen Theatern meldeten sich diese Besucher auch ganz offen als solche vom Ministerium für Staatssicherheit an. Im Rostocker Ensemble hatte "der Besucher" 4O Kollegen. Meist spazierte er zunächst zum Kaderleiter, und dann besuchte er den Intendanten, um mit ihm "in freundschaftlicher Weise über Dinge des Theaters zu reden." Personen in Leitungsfunktionen waren verpflichtet, solche Besucher zu empfangen. Wie sie dann mit ihnen umgingen, das war ihnen vorbehalten. Opernsänger Gunter Emmerlich, der mit der Veröffentlichung von vier der achtunddreißig Spitzelnamen aus seiner Akte 1992 in Dresden der Anlass war, dass sich Schauspielintendant Dieter Görne von einigen Schauspielern trennte: "Man musste in meinem Beruf nicht in der Partei sein, um etwas zu werden. Bei der Stasi ist die Hemmschwelle erreicht. Man brauchte kein Held zu sein, um dort nein zu sagen."

Adolf Dresen, einer der großen Regisseure der DDR, sagte aber auch: "Was man in der DDR machen konnte, dafür gab es selten irgendwelche Verhaltensnormen, das mußte man von Fall zu Fall entscheiden - von außen sieht das dann leicht aus wie Lavieren."

Regisseure mußten ihr Regiekonzept einreichen, Intendanten hatten ihren Spielplan zu erklären, ihr Ensemble und dessen Mitglieder zu beschreiben, - auch gegenüber der Staatssicherheit.

Die Unterscheidung zwischen Opfer und Täter, zwischen Mitläufer und Mitspieler sollte nach der Wende im Theaterbereich vor allem durch eine dokumentierte Unterschrift erkennbar sein: unter der Verpflichtungserklärung zum Informellen Mitarbeiter (IM). Ein Entlassungsgrund für Theaterspitzel.

Dabei liegt das Gestern noch in den Akten der Gauck-Behörde und in den Erinnerungen der Menschen. Immer dann, wenn beides zusammenstößt, wird das weitgehend verdrängte Thema Staatssicherheit und Theater, moralische Anstalt und unmoralisches Verhalten, wieder ins öffentliche Bewußtsein gehoben. Wie in diesen Tagen, wo der Zufall und die verbesserten Dechiffriermethoden der Gauck-Behörde drei völlig unterschiedliche "Fälle" in Dresden und Berlin gleichzeitig an die Öffentlichkeit brachten.

Heute macht sich negativ bemerkbar, dass nie einheitliche Regeln für alle neuen Bundesländer entwickelt wurden, weder für das Lesen und Interpretieren von DDR-Akten, noch für deren staatliche Überprüfung. Nur in Sachsen gibt es eine eindeutige Rechtslage. Hier darf nach Paragraph 119 der Verfassung niemand in staatlichen Betrieben beschäftigt werden, der für die Stasi gearbeitet hat. Deshalb war der Dresdner Intendant Görne gezwungen, dem Regisseur Thomas Bischoff die vereinbarte "Judith"-Inszenierung abzusagen.

Seit 1992 kam es zu Entlassungen von Intendanten in Chemnitz, Halle und Zwickau, und von etlichen Mitarbeitern an Theatern zwischen Rostock und Dresden. Selbst offenbart hat sich dabei kaum einer, weil, so die Ertappten, "sowieso niemand irgendjemandem je geschadet hat..." Keiner, ob der Regisseur Axel Richter oder die Dramaturgin Bärbel Jaksch, hat sich je veranlaßt gesehen, öffentlich darüber zu reflektieren, wie man emanzipatorische Theaterarbeit und Stasitätigkeit vereinbaren kann. Wie wichtig das Gespräch wäre, zeigt die nun plötzlich aufgebrochene Auseinandersetzung um den Dresdner Intendanten Dieter Görne. Ein sensibler und liberaler Mann, der in den achtziger Jahren, damals als Chefdramaturg, am kritischen Höhenflug des Staatsschauspiels Dresden mit den Inszenierungen von Wolfgang Engel und mit Christoph Heins "Rittern der Tafelrunde" maßgeblich beteiligt war. 1993 von der Personalkommission des Dresdner Theaters überprüfte Akten der Gauckbehörde ergaben, daß Görne seit 1985 im operativen Vorgang "Tendenz" observiert wurde, daß aber auch, beginnend 1987, von Dieter Görne als "IM Paul" Berichte vorliegen. Natürlich ist Görne nie ein IM gewesen, auch wenn "Der Spiegel" das diese Woche behauptet.

Görne hat sich allen Aufforderungen zu konspirativen Treffen, zu schriftlichen Berichten, zu Tonbandmitschnitten und zu Verpflichtungserklärungen verweigert. Und doch existieren 19 "Treffberichte" von ihm, darunter sieben über den Regisseur Wolfgang Engel, zwei über den Bühnenbildner Frank Hänig und einen über die Schauspielerin Katarina Lange. Es sind keine von ihm selbst unterzeichneten Gesprächsberichte. Görne hat, in Arbeitsteilung mit seinem damaligen Intendanten, die MfS-Mitarbeiter bei ihren offiziellen Besuchen im Theater empfangen. "Ich habe mich gefragt, muss ich mit denen reden und habe mir gesagt, es wäre unklug, dies bei unserem Spielplan nicht zu tun." Also reden mit der Stasi, um Schaden abzuwenden. Nie über Privates, sagt Görne. Wolfgang Engel, der es zunächst als Schock erlebte, daß er davon nichts wusste: "Hier findet nichts Denunziatorisches statt. Das einzige, was denunziert, ist die Adresse, an die das ging." Aber die Treffberichte enthalten bei Frank Hänig und Katarina Lange dann doch unangenehme Kommentare zu privatem Verhalten. Die Unbedenklichkeitserklärung der Prüfkommission ist sicher richtig, und doch hat Görne bei seinen Gesprächen vielleicht nicht bedacht, was ein MfS-Mitarbeiter mit Fantasie daraus destillieren würde.

Katarina Lange, die mit einem Brief an die Akademie der Darstellenden Künste in Frankfurt dagegen protestiert hat, dass der von ihr als IM angesehene Görne zum Vizepräsidenten der Akademie gewählt werde, merkt man die Verletztheit ebenso an wie Frank Hänig. Auch wenn er gerade wieder zu zwei Arbeiten nach Dresden zurückgekehrt ist und den Vorgang mit Görne für sich geklärt hat, wie Wolfgang Engel. Objektiv ist Lange sicher im Unrecht, aber subjektiv hat sie Recht. Ohne dass Görne eine individuelle Schuld trifft. Liest man die Eingaben des Regisseurs Thomas Bischoff 1988 an Kurt Hager und Egon Krenz, wird deutlich, wie die DDR manche ihrer Bürger beschädigt hat. Bischoff war ein Mensch, der nicht Schriftsteller, nicht Regisseur in der DDR sein durfte, der einer Einladung zu einer Inszenierung in Westdeutschland nicht folgen durfte und doch nur seine Lebensaufgabe suchte. "Es gab eine Zeit, wo ich alles getan hätte", sagt Bischoff heute ehrlich und erschrocken. Dass er als IM-Anwärter geführt wurde, habe er nicht gewußt als die Stasi ihn damals in Senftenberg aufsuchte. Er sprach über Schwierigkeiten und Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft - und dann der Deckname Fricke. Keine Verpflichtungserklärung, aber einige Stimmungsberichte über das Theater lieferte er, in der Hoffnung, über die Beschreibung der Spannungen zwischen der Bezirksleitung und dem Theater etwas in Gang zu setzen. Heute aber auch, wo all das Verdrängte nach einem Brief einer damaligen Kollegin an das Düsseldorfer Theater, wo Bischoff stellvertretender Intendant werden sollte, wieder hochkommt, ehrliches Suchen und Erschrecken. Daher seine freiwillige Absage an Düsseldorf. Und Scham, einmal Geld für einen Bericht bekommen zu haben. Wer wissen will, wie die DDR in eigenen Bahnen denkende Menschen in die Enge trieb, sollte sich Thomas Bischofffs Lebenslauf zwischen Stasi und Ausreiseantrag vorurteilslos anschauen.

Bei Rosemarie Schauer alias IM Barbara dagegen ist alles so einfach und unangenehm wie bei gewöhnlichen Spitzeln. Die stellvertretende Intendantin von Thomas Langhoffs Deutschem Theater lieferte in den siebziger Jahren als Dramaturgin in Schwerin stark in den privaten Bereich hineingehende Berichte. Verdachtsmomente gab es schon länger, nun kam die Entzifferung eines IM mit ihrem Klarnamen hinzu. Die fristlose Entlassung in gegenseitigem Einvernehmen war die logische Konsequenz.

Was aussteht, ist eine offensive Auseinandersetzung mit dem Verhältnis zwischen Staatssicherheit und DDR-Theater. Deshalb könnte die Dokumentation dreier so unterschiedlicher "Fälle" - Görne, Bischoff, Schauer - eine Chance sein.

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