Kultur : Alter Arbeiter

Entscheidung im Rechtsstreit um 18 Werke des Malers Otto Nagels

Isabella Kroth

„Die Fräuleins“ dürfen bleiben, auch „Onkel Paul lesend“ und der „alte Arbeiter“ von 1923. Das Urteil hat am Donnerstag das Landgericht Neuruppin gefällt, und damit die Querelen um Frühwerke des Malers Otto Nagel (1894-1967) beendet. Der Rechtsstreit begann vor zwei Jahren mit dem Besuch eines Mitarbeiters der Stiftung Stadtmuseum Berlin in einer Potsdamer Galerie. Dort entdeckte er verschollen geglaubte Bilder. Die Exponate stammten aus dem Besitz von Sibylle Schallenberg, der Tochter des Malers, die im Einsiedlerhof Kuwalk im Norden Brandenburgs das Otto-Nagel Archiv unterhält.

In den alten Inventarbüchern der Stiftung waren eben diese Werke vermerkt, hatte doch vor 32 Jahren Wally Nagel, die Mutter von Sibylle Schallenberg, die Bilder dem Märkischen Museum anvertraut, um sie dort zwischen zu lagern. „Ein Missverständnis“, sagt Sibylle Schallenberg heute, „die Bilder wurden mir nichts dir nichts als Besitz des Museums eingetragen.“ Fehlende Beweise war dann auch der Grund für das Gericht, die Klage der Stiftung abzuweisen.

In dem Archiv der Schallenbergs befinden sich heute insgesamt rund 40 Bilder aus dem Nachlass des Malers. Eigentlich erbte Sibylle Schallenberg rund 4000 Bilder ihres Vaters. 1983 aber musste sie wegen der DDR-Erbschaftssteuer, 70 Prozent des Nachlasses abgeben. Nach der Wende kämpften die Schallenbergs darum, Teile ihres Erbes zurück zu erlangen. Jedoch ohne Erfolg: „Dass wir jetzt wenigstens diesen Rechtsstreit gewonnen haben, ist für uns eine große Genugtuung“. Der Name Otto Nagel wird heute vor allem mit dem sozialkritischen Maler, der die Spannungen seiner Zeit in Berlin während der Dreißiger- bis Fünfzigernjahre reflektierte, in Verbindung gebracht. Einige dieser Bilder sind zurzeit im Berliner Käthe-Kollwitz-Museum ausgestellt. Kollwitz und Nagel lernten sich 1922 kennen, seitdem verband sie eine enge Freundschaft und gemeinsame künstlerische Projekte, wie der Film „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“ von 1930, der als eine der wichtigsten sozialkritischen Milieustudien der Weimarer Republik gilt.

Der Mitbegründer und langjährige Präsident der Deutschen Akademie der Künste Nagel in Ostberlin stammte aus ärmlichsten Verhältnissen. Als 14-Jähriger schloss er sich der sozialistischen Arbeiterjugend an, nach dem ersten Weltkrieg wurde er Mitglied der KPD. Geprägt von seinen Kriegserfahrungen und der Nachkriegszeit, wichen seine anfangs farbenfrohen Pastelle schnell düsteren Porträts der Stadt: In etlichen Skizzen, Federtuschenzeichnugen oder in Öl gemalt hielt er seine Impressionen von Arbeitern in Betrieben oder in Kneipen fest.

Sibylle Schallenberg hofft nun, Nagels „andere Seite“, die romantischen Bilder vom Leben auf dem Land und vom familiären Glück, wieder mehr in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken: „Unsere Bilder stellen wir gerne kostenlos zur Verfügung, wenn sie dann wieder ausgestellt werden.“

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