Kultur : Alterslos

Die „West Side Story“ an der Deutschen Oper.

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Eigentlich ist es eine merkwürdige Idee, die „West Side Story“ in der Originalfassung von 1957 aufzuführen: Schließlich ist das Stück selbst eine krasse Aktualisierung von Shakespeare – und auch Komponist Leonard Bernstein war als ausübender Interpret sicher kein ängstlicher Hüter der Tradition. Andererseits blieb er bis ins Alter hin faszinierend alterslos. Dass sein Werk ihm darin gleicht und dass es in seiner ursprünglichen Gestalt ein gültiges Vorbild für alle Produktionen seines Genres geblieben ist, das will und kann Michael Brenners „Originalproduktion“ (noch bis 8. Juli an der Deutschen Oper) eindrücklich beweisen.

Dabei ist dies keineswegs eine völlig puristische Veranstaltung: Die ursprünglichen gemalten Hintergrundprospekte, die schon 1957 ziemlich veraltet ausgesehen haben müssen, sind beispielsweise durch projizierte New Yorker Stadtaufnahmen in körnigem Schwarz-Weiß ersetzt. Auch die Garderobe wurde modernisiert, wobei dank des derzeitigen Revivals der 50er und 60er keine Stilbrüche in Mode und Frisuren entstehen.

Ins Hier und Jetzt katapultieren einen die jungen Sängerdarsteller: Gut aussehende Vertreter der Generation Casting, denen man nachts durchaus allein im Dunkeln begegnen möchte. Als Sänger und Tänzer formen sie eine schlagkräftige Truppe. Die ursprüngliche Choreografie von Jerome Robbins, die von Joey McKneely einstudiert wurde, ist König der Produktion: präzise, klar, ökonomisch und meist unsentimental im Ausdruck wirkt sie wie eine Befreiung von dem Plunder, der sich in vielen Aufführungen des legendären Stücks angehäuft hat. Dass Jugendgangs auch ohne umgedrehte Basecaps und Baggypants wirken, beweisen Nummern wie „Gee, Officer Krupke“: Der Spott der Jets über Gutmenschentum und staatliche Fürsorgepolitik ist gerade deswegen so ätzend böse, weil seine Zeitlosigkeit so überrascht.

Merkwürdig schwach ist nur „I feel pretty“, wo abgezirkelte Gesten und das etwas zu regietheatermäßige Spiel mit Requisiten die Natürlichkeit des Ausdrucks der von Liebe beschwipsten Maria hemmen. Hier zeigt sich denn auch eine Gefahr der Produktion, die sie freilich mit jeder auf Reproduzierbarkeit angelegten perfekten Show teilt: dass nämlich die Präzision der Choreografie und die Schönheit der oft in Sekundenschnelle aufgebauten Tableaus auf Kosten von Spontaneität und individueller Charakteristik geht. Die schauspielerischen Kabinettstückchen gelingen daher vor allem den nicht tanzenden Erwachsenen, etwa dem verschwiemelt hochwasserhosigen Anstandswauwau Glad Hand (James Michael Reilly).

Alle Darsteller singen ausdrucksvoll, wobei sie – wie das von Donald Chan geleitete Orchester mit seinem rhythmusbetonten, leicht metallischen Sound – jede triefende Sentimentalität vermeiden. Gut ist, dass Elena Sancho Pereg als Maria mit der Fülle und dem Timbre ihrer Stimme dann doch einen Hauch von Oper in die coole Vorstellung bringt: Im Cast ist sie jedenfalls definitiv die Nachtigall und nicht die Lerche. Carsten Niemann

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